Kluge Köpfe sind der einzige Rohstoff Deutschlands. Eine kluge Standortpolitik muss deshalb ihre Zahl mehren: Sie von klein auf heran ziehen – aber auch von außen ins Land holen. Beides ist Deutschland bisher bei weitem nicht so gut gelungen, wie es möglich und nötig wäre. In den kommenden zwei Jahren muss die große Koalition entscheidende Weichen stellen. Teil vier der Agenda 2009-Serie des Handelsblatts.
Agenda 2009: Das Handelsblatt analysiert, was die Koalition in der zweiten Regierungszeit anpacken muss. Grafik: HB
BERLIN. National fallen zu viele Kinder und Jugendliche durch den Rost – vor allem die wachsende Schar der Migranten. International schottet sich die Republik auch unter der großen Koalition gegen kluge Köpfe ab.
Auch wenn Bildung in der Hauptsache Ländersache ist – die große Koalition kann in den kommenden zwei Jahren entscheidende Stellschrauben bewegen und Weichen weit über die Legislaturperiode hinaus stellen – allerdings nur, wenn sie mutiger als bisher agiert. Das ist schon deshalb nötig, weil die Länder quasi per definitionem nicht zum großen nationalen Wurf fähig sind.
Sowohl die Kanzlerin als auch der Vizekanzler sollten sich dabei mehr persönlich engagieren: Kurzfristig kann man den wegen der guten Konjunktur absehbaren Mangel an Facharbeitern und Akademikern nur mit einer erleichterten Zuwanderung begegnen. Mittelfristig geht es darum, das Bildungsniveau der Inländer deutlich zu steigern - von den Schulen über die Hochschulen bis hin zur Weiterbildung. Hier hinkt Deutschland den Konkurrenznationen schon jetzt hinterher und muss schnell handeln, um die Basis der Wissensgesellschaft zu festigen.
Parallel dazu wird jedoch auch die Zuwanderung kluger Leute ein Dauerthema bleiben. Gelingt keine Kehrtwende bei den Geburtenzahl, schrumpft die Bevölkerung und kann selbst weniger kluge Köpfe hervorbringen.
In der Schule sind die Migranten die größte Herausforderung – sie stellen schon heute mehr als ein Viertel der Schüler. Die Bundesregierung muss und kann hier auch ohne formale Zuständigkeit die Themen setzen, das hat sie bei der Krippendiskussion bereits bewiesen. Sprachkurse vor der Schule, Förderung in der Schule, Einbindung der Eltern bis hin zu Mütter-Sprachkursen - all das muss flächendeckend selbstverständlich werden.
Operativ tätig werden muss der Bund für Hochschulen, berufliche Bildung und Weiterbildung - und die Themen zugleich werbewirksam auf die große Bühne bringen.
Unumstritten ist, dass Deutschland mehr Akademiker braucht. Das Problem drängt, die Zahl der Schulabgänger wird deutlich sinken. Der Hochschulpakt I bis 2010 ist gut, aber nicht gut genug. Denn er funktioniert planwirtschaftlich: Land A schafft X Plätze und bekommt dafür aus dem großen Topf Summe Y.
Für den Hochschulpakt Teil 2 ab 2010 muss ein Anreizsystem her: Bislang ist akademische Ausbildung für die Länder vor allem ein Kostenfaktor. Deshalb muss es für sie attraktiv werden, über den eigenen Bedarf - für die ganze Nation - auszubilden. Vorschläge für ein wettbewerbliches System, nach dem die Länder das Studium der Landeskinder auch anderswo übernehmen, liegen auf dem Tisch. Der Bund muss dafür eine Mehrheit organisieren – Lockmittel muss sein finanzieller Beitrag sein. Das hätte den Nebeneffekt, dass zugleich ein systemimmanenter Qualitätswettbewerb entstünde.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bei der Weiterbildung muss der Bund massiv nachlegen.
>Parallel muss sich Deutschland weiter bemühen, aus dem Ausland die besten Studenten her zu holen. Das macht allerdings nur Sinn, wenn sie im Anschluss auch hier arbeiten dürfen – die hiesige Wirtschaft oder Wissenschaft also von ihnen profitiert.Um potenziellen Studenten die Scheu vor dem Studium zu nehmen, muss der Bund bei der Unterstützung klotzen statt kleckern. Höhere Begabtenförderung ist schön, die neuen Studentenkredite außerordentlich hilfreich. Aber solange es uns an Akademikern fehlt, sollte das Bafög großzügig ausfallen.
In der Berufsbildung gilt es, Chancen für die zu schaffen, deren Zug noch nicht abgefahren ist: 1,3 Millionen Menschen bis 29 haben keinen Beruf. Grundsatz muss sein, so nah an der Wirtschaft zu agieren wie möglich. Also lieber direkte Zuschüsse für Lehrstellen an Unternehmen als mehr überbetriebliche Ausbildungsplätze schaffen.
Die große Barriere ist die mangelnde Durchlässigkeit für qualifizierte Berufstätige an die Hochschulen - pfiffige Leute werden ausgebremst. Wenn der Bund nicht voran geht – mit Vorgaben oder einer Initiative für ein abgestimmtes Vorgehen der Länder - wird nichts passieren.
Massiv nachlegen muss der Bund bei der Weiterbildung, dem Stiefkind der Bildungspolitik. Ein zaghafter Anfang ist gemacht, jedoch gilt auch hier: Klotzen statt kleckern. Dabei muss Förderung ganz unten ansetzen: Etwa bei denen, die keinen oder nur Hauptschulabschluss haben.
Parallel zur Kraftanstrengung in der Heimat muss die Regierung endlich die Schranken bei der Einwanderung von Hochqualifizierten einreißen. Osteuropäische Fachkräfte dürfen keinen Bogen mehr um Deutschland machen und nach Irland oder Schweden ziehen. Der Grund ließe sich schnell beheben: Mit einem zeitgemäßen Aufenthalts- und Zuwanderungsrecht. Dafür müssen sich allerdings beide Parteien endlich offen dazu bekennen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.
Vor allem die SPD darf sich nicht weiter gegen eine Absenkung der Einkommensgrenzen für Fachkräfte sperren. Sie könnte dies auch ohne Gefahr tun, weil in einer erfolgreichen deutschen Volkswirtschaft mehr Arbeit entsteht und nicht nur bestehende Arbeit umverteilt wird.

