Berlin-Wahl
Wofür kämpfen die Piraten?

Das fulminante Ergebnis der Piraten in Berlin macht die etablierten Parteien nervös. Doch was treibt die politischen Freibeuter an? Wer die Newcomer verstehen will, muss die Kultur der „Digital Natives“ kennen.
  • 15

Düsseldorf„Wer die Piraten wählt, dessen Stimme ist für den Gulli“, erklärte der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle noch vor etwa zwei Jahren in einem Youtube-Interview. Seiner Auffassung nach hatten die politischen Newcomer keine Chance darauf, jemals die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken. Ironie der Geschichte: Am Sonntag war es umgekehrt. Die FDP verpasste den Einzug in Parlament deutlich mit einem mageren Ergebnis, das sogar hinter der rechtsradikalen NPD zurückblieb. Einer anderen liberalen Partei gelang dafür ein fulminanter Triumph: Erstmals zog die erst 2006 gegründete Piratenpartei in ein Landesparlament ein - und das gleich mit 8,9 Prozent der Stimmen.

Ganze 15 Sitze im Berliner Abgeordnetenhaus werden damit aus ihren Reihen besetzt. Besser hätte das Ergebnis für die Piraten auch nicht ausfallen dürfen: Mehr als 15 Kandidaten hatten sie gar nicht aufgestellt. Hätten sie mehr Stimmen gewonnen, wären Parlamentssitze unbesetzt geblieben.

Doch woher kommt dieser überraschende Erfolg? Diesmal waren es nicht nur Erst- und Jungwähler, die sich für die Politik-Amateure begeistern konnten. Auch aus der „Mitte der Gesellschaft“ wurden die Piraten nach Angaben von Wahlforschern gewählt: Erwachsene im mittleren Alter mit hohem Bildungsabschluss. Dabei profitierten die Piraten nach Angaben der Forschungsgruppe Wahlen vor allem von der Unzufriedenheit mit den anderen Parteien. Nur zehn Prozent hätten sie wegen ihrer Inhalte gewählt. Die Piraten sind die derzeit angesagte Protest- und Anti-Parteien-Partei. Die eher unprofessionell wirkenden Auftritte des jungen Berliner Spitzenkandidaten Andreas Baum schadeten dabei offenbar nicht. Eher im Gegenteil: Für viele Wähler macht das gerade den authentisch wirkenden Charme aus.

Das freche Auftreten der Piratenpartei macht die etablierte Konkurrenz nervös. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) gab am Tag nach der Berlin-Wahl selbstkritisch zu bedenken, dass die CDU „da auch vielleicht ein bisschen moderner im Erscheinungsbild auftreten muss“. Und Grünen Co-Chef Cem Özdemir bemerkte anerkennend: „Da war das eine oder andere Plakat dabei, das ich mir auch bei den Grünen hätte vorstellen können.“

Digitale Entfremdung

Doch die Wurzeln der Newcomer reichen tiefer. Wer das Phänomen Piraten verstehen will, muss den Blick auch auf diejenigen richten, die den Nukleus der neuen Bewegung bilden: die Digital Natives. Das sind überwiegend junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind - also die „Eingeborenen des Internets“.

Ihre Alltagswelt hat sich von denen der etablierten Parteien entfernt. Während für diese Generation digitale Technologien selbstverständlich nutzt, spricht die etablierte Politik meist nur von den Gefahren. Zum Alltag vieler Jugendlicher gehören heute beispielsweise Computerspiele. Doch während andere kulturelle Erzeugnisse wie Filme in Deutschland gefördert werden, finden Computerspiele bei Politikern meist nur im Zusammenhang mit Amokläufen, Sucht oder Vereinsamung Erwähnung. Während junge Erwachsene tagtäglich die vielen Vorzüge einer freien und unzensierten Kommunikation im Internet genießen, behandelt die etablierte Politik das Internet vornehmlich im Kontext von Kinderpornografie oder Hacker-Angriffen. Und während Unionspolitiker die verdachtslose Speicherung aller Internet-Verbindungsdaten fordern, machen sie gleichzeitig Front gegen neue Dienste wie Google Street View oder Facebook - und zwar aus Datenschutzgründen.

Kommentare zu " Berlin-Wahl: Wofür kämpfen die Piraten?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Transparenz, Mitbestimmung, informationelle Selbstbestimmung und freier Zugang zu Wissen ist alles andere als nur ein Internetthema.

    Und im übrigen ist die "junge" Generation C64, zu der auch ich gehöre, heute bereits 40 Jahre alt.

  • Jetzt seien Sie mal nicht so streng mit Ihren Berlinern...;-)
    Sag ich jetzt mal als Nicht-Berliner.
    Die haben im letzten Jahrhundert einiges mitmachen müssen. Und das wirkt garantiert noch nach...
    Und die notorisch Unzuverlässigen sind wir damals in der schönen Bonner Republik ja auch teilweise dadurch losgeworden, dass sie nach West-Berlin abdampfen konnten, um nicht zum Bund zu müssen. Und tschüss...
    Was aber die Ur-(West)Berliner davon hielten, hat bestimmt keinen interessiert.

  • Berlin ist ein Schlaraffenland! Ein Schlaraffenland für linkes Schmarotzerleben. Und das nicht zuletzt auf Kosten wirtschaftlich handelnder Bundesländer, die Berlin im Rahmen des Länderfinanzausgleichs unterstützen "dürfen" (in Zukunft vielleicht auch noch für "kostenlosen öffentlichen Verkehr").

    Ich sehe, dass sich linkes Milieu, unterstützt von Politik und hofiert durch GEZ-finanzierte Rundfunk- und Fernsehanstalten, egal wie durchgeknallt, leistungsfeindlich, pseudo-multikulti sie sich geben und äußern, sich weiter ausbreitet und jungen Nachwuchs heranzüchtet.

    Wenn Tritin und Konsorten sich jetzt an die hemmungslos abgedrehten Spinner und Chaoten der Piraten heranschmeißen, auf der anderen Seite Rösler und die FPD als "braune Partei" verunglimpfen, lässt sich ermessen, welch Geistes Kind sich hinter "Mulitikulti", "Forderungen nach Sozialer Gerechtigkeit" und "Freiheit im Netz" wirklich verbergen. Und der Tenor in Berlins Rundfunk und Regional-TV: "tolle demokratische Bewegung"...

    Aber Deutschland ist nicht Berlin. Deshalb ist das hiesige Wahlergebnis und die Verhältnisse hier in der Stadt nicht auf Rest-Deutschland zu übertragen. Berlin war und ist ein Eldorado und Zufluchtsort für Spinner und Looser. Und da der typische Berliner auch eher "gewöhnlich" und "schlicht" ist, milde ausgedrückt, finden solche Milieus passendes Umfeld und Unterstützung.

    Solange diese Milieus nicht in wirtschafltiche Not geraten, und das würden sie, wenn sie selber WIRTSCHAFTEN (!) müßten, findet auch kein Umdenken statt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%