Berliner Flughäfen „Tegel schließen, Ruhe genießen“

Am Sonntag wird nicht nur ein neuer Bundestag gewählt. Die Berliner stimmen zudem darüber ab, ob neben dem Hauptstadtflughafen BER auch Tegel bestehen bleiben soll. Eine emotionale Debatte um milliardenschwere Pläne.
5 Kommentare
Berliner stimmen über Zukunft von Tegel ab Quelle: dpa
Demo zur Schließung des Flughafens Tegel

Am Sonntag stimmen die Berliner in einem Volksentscheid darüber ab, wie es mit Tegel weitergehen sollte. Der Streit um den alten Westberliner Flughafen spaltet die Stadt.

(Foto: dpa)

BerlinAn diesem Abend ist Sebastian Czaja in der Minderheit. Schon bevor die Debatte über die Zukunft des alten, aber doch so beliebten Westberliner Flughafens losgeht, wird der FDP-Fraktionschef des Berliner Abgeordnetenhauses ausgebuht. Ein „Populist“ sei er, ein „Lügner“ – bei einer Gruppe von Demonstranten macht sich Unmut über Czajas Initiative zur Offenhaltung Tegels breit. „Tegel schließen, Ruhe genießen“, heißt es auf ihren Transparenten. Es sind zahlreiche Berliner aus der Tegeler Einflugschneise gekommen.

Die Gemüter, das zeigt der Abend, sind erhitzt. Während der Bundestagswahlkampf von vielen in Berlin als träge und zäh kritisiert wird, ist beim Volksentscheid zur Offenhaltung von Tegel das Gegenteil der Fall. Für die Abstimmung am Tag der Bundestagswahl gibt es einen heißen Showdown. Die Sache geht den Berliner nah. Viele Einwohner sind direkt vom Fluglärm betroffen, für andere hat das historische Hexagon mit kurzen Wegen von Tiefgarage zum Gate geradezu eine emotionale Bedeutung. Außerdem liegen die Wahl-Optionen maximal auseinander: Der Flughafen kann nur offenbleiben oder schließen.

Eigentlich sollte Berlin-Tegel sechs Monate nach Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER geschlossen werden. So sieht es der Planfeststellungsbeschluss vor. Doch seit Monaten trommelt Czaja dafür, dass der Flughafen weiterbetrieben wird. Er hat es geschafft, dass mehr als 200.000 Berliner bis März in einem Volksbegehren für einen Weiterbetrieb gestimmt hatten.

Am 24. September folgt der Volksentscheid der Berliner, ob die Landesregierung die Schließungsabsichten begraben sollte. „Berlin braucht Tegel, der BER ist zu klein geplant, und zwei Flughäfen sorgen für Entlastung, einer für Chaos“, sagte Czaja am Dienstagabend in der Urania. In diesen Veranstaltungssaal hatten "Tagesspiegel" und rbb Czaja, Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), CDU-Politiker Matthias Brauner und Helge Sodan, Ex-Präsident des Berliner Verfassungsgerichts, zu einer Diskussionsrunde geladen. Es wurde ein harter Schlagabtausch, mit lautstarker Beteiligung des Publikums.

Müller ist für die Schließung Tegels, ebenso die Wirtschaftssenatorin. Der Regierende Bürgermeister argumentiert vor allem mit der großen Chance, die sich der Stadt mit den neuen Flächen biete: für Wohnen, Arbeit, Wissenschaft. „Wir brauchen die Fläche von Tegel als Zukunftsstandort“, sagte auch Pop. „Wir dürfen die Entwicklung der Stadt nicht in Flächenknappheit ersticken lassen.“ Alle Nachnutzungspläne Tegels für 9.000 Wohnungen und Wirtschaftsansiedlungen wären im Falle eines Weiterbetriebs obsolet.

Müller warf der FDP Rückwärtsgewandtheit vor. Die FDP versuche, den Volksentscheid zu einer Abstimmung über die Vergangenheit zu machen, sagte er. Es gehe aber nicht darum zu sagen, „was wir vom BER halten" und Denkzettel zu verteilen.

Czaja forderte erneut den Weiterbetrieb Tegels. „Weil man gar nicht weiß, ob und wann der BER jemals öffnen wird“, sagte er – und bekam für diesen Satz viel Applaus. Tegel sei manchmal das Einzige, was in Berlin funktioniere, schob er nach. Ein Satz, der prompt wieder Buhrufe provozierte. Die Union, die sich vor dem Regierungswechsel in Berlin von Schwarz-Rot zu Rot-Rot-Grün stets für eine Schließung Tegels ausgesprochen hatte, steht inzwischen mehrheitlich auf Czajas Seite, wovon sich Brauner indes distanzierte: „Meine persönliche Meinung ist eine andere.“

Nur 70 Schritte vom Taxi bis ins Flugzeug
49138933
1 von 10

Die kurzen Wege sind das Markenzeichen des Flughafens Berlin-Tegel mit der internationalen Abkürzung TXL im Nordwesten der Hauptstadt. Am 23. Oktober 1974, vor mittlerweile 40 Jahren, wurde er in Betrieb genommen und sollte von Anfang an ein Flughafen sein, der es den Passagieren leicht macht.

45218644
2 von 10

Gerade mal 70 Schritte sind es vom Taxi in die Maschine, haben Vielflieger gezählt. Die Fluggastbrücken befinden sich rund um einen sechseckige Gebäudekranz. Die Zufahrt liegt auf der Innenseite, so dass die Passagiere direkt vor ihrem Gate vorfahren können.

51862233
3 von 10

Entworfen wurde Tegel von Meinhard von Gerkan (Foto) und seinem Partner Volkwin Marg. Es war das erste Großprojekt der renommierten Architekten, die auch den Berliner Hauptbahnhof und den künftigen Berliner Großflughafen BER planten.

5640736 (1)
4 von 10

Geflogen wurde in Tegel indes schon vorher. Bereits während der Berlin-Blockade (1948-1949) wurde auf dem Areal mit dem Bau eines Flugplatzes begonnen, um genügend Landebahnen für die Frachtflugzeuge zu haben. Anschließend nutzten die französischen Alliierten die Anlage als Militärflugplatz. Angesichts steigender Passagierzahlen auf dem bis dahin einzigen West-Berliner Verkehrsflughafen Tempelhof wurde Ende der sechziger Jahre der heutige Flughafen in Auftrag gegeben.

45292915
5 von 10

Rund 2,5 Millionen Passagiere sollte Tegel laut Gerkan jährlich bewältigen können. Fluggastzahlen, die heute um mehr als das Achtfache überschritten werden. Im vergangenen September erreichte Tegel seinen vorläufigen Spitzenwert: Fast zwei Millionen Passagiere starteten und landeten allein in diesem Monat dort.


40194564
6 von 10

Das Hauptgebäude mit seinen Terminals A und B ist längst erweitert worden durch die Terminals C, D und E. Von der locker-leichten Atmosphäre von einst ist zu den Stoßzeiten nicht mehr viel zu spüren. „Und Stoßzeiten haben wir in Tegel fast immer“, sagt Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber. Dass der Flughafen den enormen Anstieg der Passagierzahlen stemme, hält Weber für ein „kleines Wunder“.

45071694
7 von 10

Längst sollte das Sechseck stillgelegt und der BER im Südosten der Stadt Berlins einziger Flughafen sein. Doch das Großprojekt wird und wird nicht fertig, und „im Grunde sind wir froh, dass wir Tegel noch haben“, wie Weber sagt.

Wann der BER eröffnen kann, ist weiterhin unklar. Einen verlässlichen Eröffnungstermin gibt es nicht. Bereits 2012 sollte der neue Hauptstadtflughafen eröffnet werden, doch wegen Problemen mit dem Brandschutz wurde der Starttermin wiederholt vertagt, Geschäftsführer wurden eingestellt und wieder entlassen. Derzeitiger Flughafenchef: Engelbert Lütke Daldrup, eigentlich ein Stadtplaner, der eine Erweiterung des BER anstrebt, um die stetig steigende Flut an Passagieren zu bewältigen.

Der BER ist zunächst nur für 27 Millionen Passagiere im Jahr ausgelegt, aber im Jahr 2016 fertigten die beiden Berliner Flughäfen Schönefeld und Tegel bereits 33 Millionen Passagiere ab, davon allein Tegel mehr als 20 Millionen. Der Flughafen ist völlig überlastet. Dass der BER noch immer nicht am Start ist, ist auch für den Steuerzahler ein großes Ärgernis: Er kostet 1,3 Millionen Euro am Tag.

Ist ein Weiterbetrieb von Tegel rechtlich überhaupt möglich?
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

5 Kommentare zu "Berliner Flughäfen: „Tegel schließen, Ruhe genießen“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Herr Sir Alex21.09.2017, 12:47 Uhr
    Die bauen in wirklichkeit den wellnessbereich für Kaiserin Merkel.
    -----------------------

    Ich hatte es auch mal so gehört, dass man dort Bunker für Erika und Co baut. So wie die regieren, könnte es evtl ganz plötzlich zu Volksauftständen kommen (s. 1989 in rumänien,..) also musste man wohl Volks-sichere Bunker unter dem Flughafen bauen, damit sie sich vor dem "Wir sind das Volk" verdrücken kann.

    Man sagt ja, bei Adolf fing es auch so an.
    War es nicht der Adolf, der auch seine speziellen Bunker hatte?

  • Wer glaubt Müller und den andern BER-Totalversagern noch irgendwas ?

    Tegel ist der einzig zuverlässige Flughafen jetzt und in Zukunft.
    Müller&Co versuchen Tegel schlecht zu reden, damIt BER alternativlos erscheint und ihr eigenes Versagen vertuscht wird.

    Mein herzliches Beileid allen, die Herrn Müller und der BER-Korruptions-GmbH wählen wollen ...

  • Die bauen in wirklichkeit den wellnessbereich für Kaiserin Merkel.

  • Unter anderem haben Paris und London gleich mehrere Flughäfen. Nur unsere Bundeshauptstadt mein, sie könne mit einem Großflughafen auskommen (der auch erstmal fertig werden muss). Das war von Anfang an nicht durchdacht. Gerade im Fall von Berlin ergibt sich die Chance einen Flughafen im Norden und einen im Süden zu betreiben.
    Ich glaube auch, dass BER nie reibungslos laufen wird. Das wird super Verspätungen geben, weil die Kapazität nicht reichen wird.
    Und wenn man keinen Lärm will, dann darf es gar keine Flughäfen geben, denn irgendwer ist immer betroffen. Es gilt hier nicht eine emotionale Debatte zu führen, sondern nüchtern und ökonomisch in die Zukunft zu schauen. Und da machen bei zunehmenden Passagierzahlen zwei Flughäfen mehr Sinn als nur einer.

  • zu gerne wüsste ich, was mit BER wirklich los ist.

    Dass man für so ein kleines Häuschen sooo lange braucht, glaubt eh keiner. Was aber bauen die das wirklich?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%