„Berliner Rede“
Ökonomen kritisieren Köhlers Krisen-Analyse

Die „Berliner Rede“ von Bundespräsident Horst Köhler hat ein unterschiedliches Echo ausgelöst. Während Politiker aller Parteien, darunter auch Kanzlerin Merkel, seine Ausführungen zur globalen Wirtschafts- und Finanzkrise lobten, gingen führende Ökonomen auf Distanz. Sie wandten sich vor allem gegen Köhlers deutliche Kritik am Streben nach ständigem Wirtschaftswachstum.

DÜSSELDORF/BERLIN. "Das Wort 'Wachstum' wird leider zuweilen missverstanden: es beinhaltet nicht nur, dass mehr Dinge produziert werden, sondern auch, dass bessere Dinge produziert werden. Daher halte ich eine pauschale Wachstumskritik für nicht zielführend", sagte der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, am Dienstag im Gespräch mit Handelsblatt.com. Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Gustav Horn, räumte bei Handelsblatt.com zwar ein, dass Wachstum alleine "sicherlich nicht alle Probleme" lösen könne. "Aber ohne Wachstum ist, wie die Jahre der Stagnation von 2001 bis 2004 gezeigt haben, alles noch viel schwieriger."

Horn hält daher Wachstum für "eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung" für die Lösung unserer Probleme. "Vielmehr müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die Früchte des Wachstums in Zukunft gerechter verteilen", sagte der Ökonom und fügte hinzu: "Das würde auch der Casino-Mentalität mancher entgegen wirken."

Auch der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, vertrat die Auffassung, dass wirtschaftliches Wachstum "generell nicht verdammenswert" sei. Es liefere vielmehr "einen Beitrag zur Bewältigung der vielen materiellen Probleme, die uns umgeben", sagte Kater im Gespräch mit Handelsblatt.com. "Rücksichtsloses Wachstum aber ohne Blick auf die Konsequenzen kann ins Gegenteil umschlagen und den Gesellschaften schaden", gab der Ökonom zu bedenken.

Köhler hatte in seiner vierten „Berliner Rede“ gesagt: „Wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachtum sei die Antwort auf alle Fragen.“ Gerade dieses Streben habe aber dazu geführt, dass die Finanzmärkte nicht ausreichend reguliert worden seien. Wachstum sei in Wahrheit nicht mehr zentraler „Problemlöser und Friedensstifter in unseren Gesellschaften“. Ausdrücklich forderte Köhler angesichts der derzeitigen Weltwirtschaftskrise ein energisches Eingreifen des Staates. Derzeit erlebe man „Freiheit ohne Verantwortung“.

In der Politik erhielt der Bundespräsident parteiübergreifend viel Beifall für seine Ausführungen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die „Berliner Rede“ von Bundespräsident Horst Köhler im Zeichen der Wirtschaftskrise als „beeindruckend“ gelobt. Köhler habe beschrieben, dass Gemeinwohl und Zusammenhalt einen festen Platz in der Gesellschaft haben müssten, sagte sie am Dienstagabend bei einem Besuch der Katholischen Akademie in Berlin.

Köhler habe deutlich gemacht, dass er nicht für eine Partei stehe, sondern Präsident aller Deutschen sei, erklärte derweil Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). FDP-Chef Guido Westerwelle sprach von einer nachdenklichen Rede, die auch Chancen der Krise aufgezeigt habe. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) lobte vor allem Köhlers Hinweis darauf, dass Deutschland eine soziale Gesamtverantwortung in der Welt habe.

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