Bertelsmann-Studie
Deutschlands Schulsystem ist unfair

Die Chancengerechtigkeit an deutschen Schulen ist weiterhin mangelhaft. Laut einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung haben es Kinder aus armen Familien deutlich schwerer - egal wie intelligent sie sind.
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BerlinAuch zehn Jahre nach dem Pisa-Schock gilt die Chancengerechtigkeit in deutschen Schulen als ungenügend. Nach wie vor ist die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg riesengroß. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Dies geht aus dem ersten „Chancenspiegel“ hervor, den das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zusammengestellt hat.

So haben Kinder armer Eltern oder von Migranten nach wie vor in allen Bundesländern deutlich geringere Chancen, nach der Grundschule ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder von Akademikern - selbst bei gemessener gleicher Intelligenz. Besonders ausgeprägt ist diese Chancenungleichheit in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Die Abitur-Chancen von Akademikerkindern sind hier im Schnitt 6,1 mal größer als die von Kindern aus niedrigeren Schichten. In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen und Sachsen sind diese Chancen im Schnitt nur 2,5 mal so hoch.

Untersucht wurden für den „Chancenspiegel“ vier Bereiche, und zwar die Förderung von Lernbehinderten („Integrationskraft“), die Chancen für Kinder aus bildungsfernen Schichten, das Abitur zu erwerben (soziale „Durchlässigkeit“), die Leistungen beim Lesen und Textverständnis („Kompetenzförderung“) sowie der Anteil von Schülern mit weiterführenden Abschlüssen und ihre Chancen auf dem Ausbildungsstellenmarkt („Zertifikatsvergabe“).

Trotz der seit 2009 auch für Deutschland geltenden UN-Konvention mit dem Rechtsanspruch von lern- wie körperbehinderten Kindern auf den Besuch einer „normalen“ Schule (Inklusion) gibt es auch hier deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während Berlin, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und auch Schleswig-Holstein hier inzwischen erste Fortschritte verzeichnen, liegen vor allem Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen noch weit zurück.

Weitere Ergebnisse: Während in Sachsen beispielsweise drei von vier Schülern die Chance haben, eine Ganztagsschule zu besuchen, ist das in Bayern nicht einmal jeder zehnte. In Baden-Württemberg, Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein müssen heute nur noch im Schnitt 1,7 Prozent der Schüler ein Schuljahr wiederholen, in Bayern, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind dies dagegen 4,5 Prozent. Das „Sitzenbleiben“ gilt unter Schulforschern heute als „Griff in die pädagogische Mottenkiste“ und ist verpönt.

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  • Das war schon immer so. In der Schule wird einem allerhand vorgestellt. Lernen, üben und wiederholen mußte auch ich zu Hause. Im Schreiben und Lesen habe ich mich auch außerhalb der Schule geübt. Allerdings wurde das auch durch die damaligen Umstände gefördert. Fernsehen, Videos und PC-Spiele gab es nicht.

  • Was sie von den Fünf erzählen, finde ich toll, aber zugleich auch niederschmetternd. Das ist ja das Desaster, daß ihr Schulerfolg davon abhängt, daß sie außerhalb der Schule Unterstützung finden, um überhaupt nur Lesen und Schreiben zu lernen.

  • Jammern hilft nicht. Man muß sich kümmern. Ich habe mich über ein Jahr lang zweimal die Woche mit fünf Kindern aus meiner Umgebung getroffen, aus der 5., 7. und 9. Klasse. Lesen und Schreiben können sie jetzt alle, das hatten sie nämlich in der Schule nicht gelernt. Und siehe da, jetzt sind sie auch in den anderen Fächern besser geworden, denn die Form der Sprachbildung kann man mit jedem Inhalt füllen. Bildung heißt "Trotzdem". Vor allem ist aber wichtig, daß Kinder lernen, wie man selbstätig lernt und sich neues Wissen erschließt. Das hat meinen fantastischen Fünf auch niemand in der Schule beigebracht. Besonders froh bin ich, daß sie zusammenhalten und sich gegeseitig helfen. Jedenfalls glaube ich, daß sie jetzt mehr Chancen haben, zu einem guten Schulabschluß zu kommen.

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