Besuch beim Goethe-Institut
Frau Merkels Gespür für Kultur

Während der neue Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, sich und seine Partei ordnen muss, nutzt die Kanzlerin die Gunst der Stunde. Sie wilderte beim Besuch des Goethe-Institutes in einem Lieblingsthema ihres Herausforderers - der Auswärtigen Kulturpolitik.

DÜSSELDORF. Auswärtige Kulturpolitik schlägt selten hohe Wellen. Nicht, wenn wirklich Krieg herrscht und harte Diplomatie gefragt ist. Und in der Regel auch dann nicht, wenn anderswo große Volksparteien ihre Geschäfte ordnen. Heute allerdings gab es etwas Bemerkenswertes zu beobachten: Fernab der SPD-Scharmützel hatte als erste Bundeskanzlerin überhaupt Angela Merkel die wichtigste Institution der deutschen Kulturförderung besucht: die Zentrale des Goethe-Institutes in München.

Diese Konstellation verdient Beachtung. Denn der Besuch der Kanzlerin und ihre Grundsatzrede zur Auswärtigen Kulturpolitik hatten etwas Pikantes. Was lange geplant war, wirkte wie ein ferner Hinweis auf ihren frisch gebackenen Konkurrenten, Frank-Walter Steinmeier: Seh? her, auch ich kann Kulturpolitik. Denn bislang war es stets Steinmeier, der in den vergangenen Jahren die Bedeutung der ausländischen Kulturarbeit betont hatte, die maßgeblich von den 147 Goethe-Instituten, Dependancen und Lesesälen und insgesamt 2800 Mitarbeitern weltweit getragen wird. Sein Vorgänger, Joschka Fischer stand nicht in dem Ruf, ein großer Freund der kulturellen Außenpolitik zu sein.

Steinmeier ist es auch, der als Schröder-Lehrling Gefallen an Künstlern, an Debatten und intellektuellem Glanz gefunden hat. Kultur ist sein Thema. Von der Kanzlerin ist solches, von der jährlichen Bayreuth-Wallfahrt abgesehen, nicht bekannt. Aber nun war es dennoch sie, die in München sprach: Sie wolle die Goethe-Institute ausbauen und damit kulturelle Brücken in Konfliktgebiete und Wachstumsregionen der Welt schlagen. Auswärtige Kulturpolitik sei für die Bundesregierung Selbstwerbung. Außerdem könne Deutschland damit seine Wertevorstellungen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten vermitteln. All das sagte Merkel, aber es war eigentlich die Steinmeiersche Linie.

Doch Merkel konnte den warmen Worten auch etwas Handfestes hinzufügen: die Tatsache nämlich, dass im Entwurf für den Bundeshaushalt 2009 der Mittelansatz für die Kultureinrichtungen um 7,5 Prozent erhöht werde - auf über 700 Millionen Euro. Das Goethe-Institut sei "so etwas wie eine Visiten-Karte für unsere Kulturlandschaft", sagte Merkel.

Den Goethe-Instituten wird die Begründung egal sein: denn Lob hat "Goethe", wie die Mitarbeiter sagen, in den vergangenen Jahren häufiger gehört, nur passiert war nie etwas. Zwischen 2003 und 2007 waren die Mittel, die fast ausschließlich aus dem Etat des Auswärtigen Amtes stammen, überhaupt nicht erhöht worden. Und nur knapp ein Viertel der Ausgaben, etwa 230 Millionen Euro, können die Institute durch eigene Einnahmen decken. Man braucht die Erhöhung dringend.

Die Institute im Ausland, personell häufig noch ausreichend bis gut besetzt, trockneten während der Sparrunden immer mehr aus, weil Geld für Konzerte, Lesungen, Ausstellungen oder Reisestipendien deutscher Künstler fehlten. Selbst in Metropolen wie London, in denen eines der größten und repräsentativsten Institute seine Arbeit macht, sorgen häufig die großen ansässigen Museen für ein bedeutendes Deutschland-Programm. Mit etwas Glück können die engagierten Goethe-Mitarbeiter noch als Partner fungieren. Für eigene Spektakel fehlt das Geld.

Gleiches gilt für den Nachwuchs: weite Teile des Goethe-Apparates sind schon lange dabei. Ein Trainee-Programm gab es in den vergangenen Jahren nur nach Kassenlage. Dabei sind die Institute auf kreative und frische Ideen angewiesen.

Kein Wunder also, dass der erst vor einem Jahr ins Amt gekommene Präsident des Goethe-Instituts, Klaus Dieter Lehmann, angesichts der frohen Kunde Merkels von einer "neuen Ära" sprach: "Die Aufbruchstimmung bei uns lässt sich mit Händen greifen." Und Angela Merkel? Zur Tatsache, dass sie die erste Kanzlerin sei, die in München zu Gast sei, sagte sie: "Auch wenn ich das gewusst hätte, wäre ich heute gekommen". Einem Kanzlerkandidaten ein Lieblingsthema streitig machen, ist immer eine Reise wert.

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