Bierzelte statt Talkshows
Wie die FDP die Flüchtlingskrise nutzen will

Die großen TV-Talkshows lassen die FDP links liegen, in der Flüchtlingsdebatte sind liberale Themen nicht gefragt. Doch FDP-Chef Christian Lindner hat eine eigene Strategie – die seine Partei beflügeln soll.

BerlinDie Muswiese blickt auf eine lange Tradition zurück: Bereits zum 581. Mal fand das Volksfest im hohenlohischen Ort Musdorf in diesem Oktober statt. Die Muswiese ist eine große Attraktion in der Region, mehr als 140 Aussteller locken jährlich zehntausende Besucher an. Unter ihnen: Christian Lindner.

Der Bund der der Selbstständigen hatte den FDP-Vorsitzenden als Redner ins Festzelt geladen, rund 1500 Zuhörer lauschten seinen Worten, darunter viel Laufkundschaft. Unter dieser einigermaßen repräsentativen Stichprobe der Bevölkerung hat Lindner viel Zustimmung ausgemacht zu seinen Thesen, ob zur Flüchtlings- oder Wirtschaftspolitik.

Der FDP-Chef erfährt durchaus Zuspruch in diesen Wochen, obwohl es nicht leicht für ihn ist, in der alles dominierenden Flüchtlingsdebatte Gehör zu finden. Die großen TV-Talkshows lassen die Liberalen konsequent links liegen, Lindner schlägt sich mit Interviews für Regionalzeitungen durch. Und eben mit Auftritten in Festzelten.

Die Wahrnehmungsschwelle zu überwinden fällt der FDP derzeit fast schwerer als die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen: Erstmals seit Mitte 2013 attestieren derzeit alle Meinungsforschungsinstitute den Liberalen, den Einzug ins Parlament zu schaffen.

Die Union hat in der Flüchtlingskrise viel Zustimmung verloren. Viele Unzufriedene wechseln zur AfD, aber auch die FDP scheint etwas zu profitieren. Lindner will die Gelegenheit jedenfalls ergreifen: „Wir haben bei der Bundestagswahl 2013 viele Wähler an die CDU verloren, die wollen wir natürlich zurückgewinnen“, sagt er.

Anders als die AfD sucht Lindner dabei aber nicht die Nähe zum rechten Rand. Das würde wohl auch nach hinten losgehen, denn liberal eingestellte Wähler stehen Einwanderung offen gegenüber: Laut Infratest Dimap lehnen 63 Prozent etwa eine Einschränkung des Asylrechts ab.

Unter den Unionsanhängern sind es nur 47 Prozent. Auch prominente Neumitglieder aus der Wirtschaft wie BASF-Aufsichtsratschef Jürgen Hambrecht oder Hans Georg Näder, Chef des Mittelständlers Otto Bock, würden das kaum goutieren. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass die FDP mit einer dezidierten Law-and-Order-Politik in der Parteienlandschaft Erfolg hätte“, sagt Infratest-Geschäftsführer Nico Siegel.

Da aber auch unter FDP-Wählern angesichts des massiven Flüchtlingsandranges die Verunsicherung wächst, versucht Lindner einen dritten Weg einzuschlagen – einen Mittelweg zwischen der Abschottungsrhetorik der CSU und dem Willkommenskurs der Kanzlerin. „Wir wollen weder das Grundrecht auf Asyl einschränken doch die Grenzen dicht machen“, sagt er, „aber wir müssen schnell den unkontrollierten Zuzug begrenzen, den Merkel mit ihren Selfies und der Öffnung der Grenze in Ungarn ausgelöst hat.“

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Lindner will die „Sogwirkung verringern“

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