Bildung
DIHK-Chef greift Kultusminister an

Die deutsche Wirtschaft mahnt strengere Beurteilungen von Schulabgängern an. Bei den neuen Standards für den Mittleren Schulabschluss hätten die Kultusminister die Latte zu niedrig gehängt, sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann dem Handelsblatt. Die Behörden attestierten Schulabgängern oft die „Ausbildungsreife“ – trotz mangelnder Leistung.

BERLIN. Die deutsche Wirtschaft mahnt strengere Kriterien bei der Beurteilung der Leistungen von Schulabgängern an. Bei den neuen Standards für den Mittleren Schulabschluss hätten die Kultusminister die Latte eindeutig zu niedrig gehängt, kritisierte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann. Die Folge sei, dass auch solche künftigen Lehrlinge als ausbildungsreif eingestuft würden, die das Etikett nicht verdienten.

Stein des Anstoßes sind die neuen „Kompetenzstufen“ im Lesen für den mittleren Schulabschluss, also den früheren Realschulabschluss. Seit 2004 entwickelt die Kultusministerkonferenz (KMK) Standards dafür, was welche Schüler bis wann lernen sollen. Die Kompetenzstufen dienen dazu, die Zielerreichung – analog zum internationalen Pisa-Test – zu messen. Das neue Modell im Bereich Lesen für den mittleren Schulabschluss hat fünf Stufen. „Kompetenzstufe 2 würde der Ausbildungsreife entsprechen“, bestätigte der KMK-Vizepräsident und bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) dem Handelsblatt. Um diese Stufe 2 zu erklimmen, müssen die Schüler jedoch lediglich in der Lage sein, mehrere Informationen in einem Text miteinander zu verbinden. Nur „vereinzelt“ müssen sie darüber hinaus das Motiv einer beschriebenen Person benennen können.

Das reicht keinesfalls, meint DIHK-Präsident Driftmann: „Die Einstufungen dürfen nicht dazu führen, dass ein Niveau zementiert wird, dass den Erfordernissen des Ausbildungsmarkts nicht genügt. Ich warne deshalb davor, bereits die zweite von fünf Stufen als Mindeststandard anzusehen.“ Denn aus Sicht der Unternehmen würden damit die Mindestanforderungen für Ausbildungsreife nicht erfüllt. „Stufe 2 reicht für viele Berufe einfach nicht aus, wenn Schüler mit mittlerem Abschluss dann nicht in der Lage sind, Leseaufgaben mäßiger Komplexität zu lösen.“ Seit Jahren beklagen Unternehmen die mangelnde Ausbildungsreife vieler Schulabgänger. Neuerdings gewinnt das Problem an Schärfe, weil die Wirtschaft wegen sinkender Abgängerzahlen keine große Auswahl mehr hat (siehe Ausbildungsverträge“).

Auch die Kultusminister sind sich bewusst, dass sie die Ergebnisse tendenziell schönen. Im Beschluss zum Kompetenzmodell heißt es freimütig, dass Schüler, die Niveau 2 erreichen, den von der KMK selbst gesetzten Standards „noch nicht“ entsprechen. Da ihnen aber „einfache Verknüpfungen gelingen“, „interpretieren wir dieses Niveau im Sinne der Erreichung von Mindeststandards“.

In der entscheidenden Stichprobe des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, das die Kompetenzstufen für die KMK entwickelt, hatten es fünf Prozent der Zehntklässler nur auf Stufe eins geschafft. Da diese Stufe aber – anders als bei Pisa – nach unten offen ist, „erreicht sie jeder, egal, ob er lesen kann oder nicht“, sagt die Schulexpertin des DIHK, Berit Heintz. Auf Stufe 2 landeten zwanzig Prozent. Würden die Kultusminister ihre eigenen Vorgaben befolgen, müssten sie also rund einem Viertel der Schüler attestieren, nicht den Mindestanforderungen zu genügen.

Das wiederum würde sie weit zurückwerfen. Denn nach dem Beschluss des Bildungsgipfels 2008 sollen sie die Quote der Schulversager ohne Abschluss bis 2015 von acht auf vier Prozent senken. Parallel soll der Anteil der ausbildungsfähigen jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss von 17 auf 8,5 Prozent sinken.

DIHK-Schulexpertin Heintz fürchtet, dass die Anforderungen an den Hauptschulabschluss, die bisher noch nicht vorliegen, umso niedriger ausfallen. KMK-Vize Spaenle räumt das auch durchaus ein: „Kompetenzen für den Hauptschulabschluss sind im Prinzip niedriger als die des mittleren Bildungsabschlusses.“ Zum Ausgleich sollten sie jedoch – wie etwa in Bayern – „etwas Spezifisches haben: großen Wert auf Berufsorientierung“.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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