Bildung
Eltern, übernehmen Sie!

Deutschland gibt noch immer deutlich weniger für Bildung aus als Konkurrenznationen. Das gilt vor allem für die Schulen. Besserung ist nicht in Sicht: Weil vor allem die Gehälter der Lehrer in der Bundesrepublik überdurchschnittlich hoch sind, wird an der Ausstattung gespart.

BERLIN. Das bekommt die Bildungswirtschaft hautnah zu spüren: Seit Jahren stagniert die Umsatzentwicklung von Lern- und Lehrmitteln bei rund 500 Mill. Euro, eine Trendwende ist nicht abzusehen. Der Grund: Die Bundesländer streichen ihre Ausgaben für Schulbücher seit Jahren drastisch zusammen – trotz steigender Schülerzahlen. Nach Angaben des Verbandes der Bildungsverlage VdS Bildungsmedien anlässlich der am gestrigen Dienstag eröffneten Bildungsmesse „didacta“ gaben Länder und Kommunen 2006 rund 20 Euro für Schulbücher und Unterrichtssoftware aus – 1991 seien es noch 31 Euro pro Schüler gewesen.

Einen Teil der Lücke füllen neuerdings die Eltern. Seit 2003 haben fast alle Länder die in den 70er-Jahren fast flächendeckend eingeführte Lernmittelfreiheit wieder abgeschafft. Heute gilt sie nur noch in Bremen, Hessen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Anderswo müssen Eltern pro Kind und Schuljahr zwischen 20 und 100 Euro (Berlin) zahlen. In Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist Bücherkauf seit jeher Elternsache. Auch in Baden-Württemberg hätte die frühere Kultusministerin und heutige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Eltern 2004 gern zur Kasse gebeten – doch die Landesverfassung erlaubt das nicht.

Die Unterschiede sind enorm: Niedersachsen und Bayern gaben nach Angaben der GEW 2003 (neuere Zahlen gibt es nicht) pro Schüler und Jahr nur rund 20 Euro aus, in manchem ostdeutschen Bundesland ist es noch weniger. Baden-Württemberg hingegen steckte das Doppelte in Atlanten und Mathebücher. Aktuell sei vor allem die Versorgung in Berlin „katastrophal“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, dem Handelsblatt. „Aus Hamburg kommen ähnliche Klagen.“

Durch die neuen Elternbeiträge sind nun zwar ganz aktuell die Gesamtbudgets enorm nach oben geschnellt, teilweise haben Schulen etwa in Bayern wieder 30 bis 50 Prozent mehr Geld zur Verfügung, sagt Meidinger, der selbst ein Gymnasium im bayerischen Deggendorf leitet. Die Schulbuchverlage seien teilweise mit der Lieferung nicht mehr nachgekommen. Bayerns Kultusminister überlege schon, „ob er das Büchergeld der Eltern auch für anderes Material freigeben soll“. Doch wer glaubt, nun seien goldene Schulbuchzeiten angebrochen, täuscht sich: „Wir versuchen jetzt mit Hilfe der Eltern ein Niveau zu erreichen, das wir früher mal hatten“, relativiert Meidinger. Denn die Ausgaben der Länder für Schulbücher sind drastisch gesunken: 2006 waren es nach Angaben des VdS Bildungsmedien 220 Mill. Euro – 1993 wurden noch 300 Mill. ausgegeben. Eltern und erwachsene Schüler legen inzwischen rund 250 Mill. jährlich drauf. Die Familien „stopfen die Lücke, die der Staat gerissen hat – deshalb dürfen die Länder keinesfalls weiter kürzen“, warnt der DPhV-Präsident.

Anders als die GEW, die sich für die Lernmittelfreiheit einsetzt, findet der Philologenverband die Beteiligung der Eltern „nicht schlimm, solange die Eltern nicht überfordert werden“. In allen Ländern gibt es Freistellungsklauseln für Geringverdiener. Allerdings könne es durchaus sein, dass sich manche Eltern schämen, die Freistellung zu beantragen, räumt Meidinger ein. „Fatal wäre es, wenn das Büchergeld manche davon abhalten würde, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken“, warnt Meidinger. Das würde dem politischen Ziel zuwiderlaufen, die niedrige deutsche Akademikerquote zu steigern.

Seite 1:

Eltern, übernehmen Sie!

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%