Bildung
Technische Hochschulen wollen längere Studienzeiten

Die führenden Ingenieur-Fakultäten in Deutschland klagen über schlecht ausgebildete Abiturienten. Vorkurse sollen hier für Abhilfe sorgen. Ähnlich pragmatisch verfahren die Kaderschmieden auch bei der Umstellung auf Bachelor und Master. Doch so ganz verschmerzt haben die Top-Adressen der Ingenieurskunst den Abschied vom „Diplom-Ingenieur“ noch nicht.
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BERLIN. Die Republik debattiert über den Bachelor und seine ungewissen Aussichten am Arbeitsmarkt. Nicht so die technischen Kaderschmieden der Nation: „Bei uns ist die Kombination aus Bachelor und Master der anzustrebende Normalfall“, sagt der Rektor der Eliteuni RWTH Aachen, Professor Ernst Schmachtenberg, unverblümt. Der Maschinenbauprofessor spricht nicht nur für Aachen, sondern zugleich für den Klub der führenden Technischen Universitäten, die „TU9“, deren Vorsitz er ab 2010 übernimmt. Zu den TU9 gehören neben der RWTH die Eliteuniversitäten TU München und Karlsruhe sowie die TU Berlin, Braunschweig, Darmstadt und Dresden und die Universitäten Hannover und Stuttgart. Sie bilden zehn Prozent aller Studenten aus und fast die Hälfte aller Uni-Ingenieure.

„Ich persönlich sage meinen Studenten: Wer bei uns einen Bachelor geschafft hat, hat auch Anspruch darauf, einen Master zu machen“, sagt Schmachtenberg. Das ist nicht im Sinn der Wissenschaftsminister. Diese bestreiten zwar, feste Quoten für das Master-Studium vorzugeben, in der Praxis erzwingen sie sie aber durch entsprechende Finanzierung. Der künftige TU9-Präsident fordert: „Die Frage nach den notwendigen Kapazitäten an den Universitäten darf dabei nicht entscheidend sein.“ Die TU9 fordern hier volle Autonomie und lehnen jede Quotierung ab.

Bisher ist die große Mehrzahl aller Bachelorstudiengänge auf sechs Semester angelegt. Doch Schmachtenberg ist überzeugt: „In sechs Semestern kann man nicht gleichzeitig ein wissenschaftliches Grundstudium absolvieren und Berufsbefähigung herstellen.“ Auch er plädiert für längere Bachelorstudien – bis hin zu den erlaubten acht Semestern. Das wollen auch die Wirtschaftsverbände. Lieber etwas länger, aber dafür gründlicher, lautet dort die Devise.

„Teilweise beherrschen Abiturienten nicht einmal die Bruchrechnung“

Für manche Klagen der protestierenden Studenten hat Schmachtenberg Verständnis. „Auch ich bin nicht glücklich über die sehr engen Curricula, die teilweise auch noch mit Anwesenheitspflichten kombiniert wurden. Wir sollten mehr auf Selbstmotivation setzen, da waren wir in Deutschland immer schon besser.“ Gebühren seien durchaus sinnvoll. An der RWTH summieren sie sich auf 25 Mio. Euro und steigern das Budget um rund sechs Prozent. Erhöhen dürfe man sie aber nicht, warnt Schmachtenberg, „denn dann würden sie eine soziale Schranke bilden“.

Als großes Problem sehen die TU9 die mangelnde Vorbereitung der Abiturienten. „Teilweise beherrschen sie nicht einmal die Bruchrechnung“, klagt der RWTH-Rektor. „Und die Schulbehörden sagen uns offen, dass es nach der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre kaum möglich ist, Schüler auf ein Ingenieurstudium vorzubereiten.“ Die TU9 sehen jedoch einen pragmatischen Ausweg: „Eine Konsequenz könnte sein, dass die Begabten sofort das Studium beginnen und die anderen zunächst Vorkurse machen, wie es sie in Frankreich oder Großbritannien gibt.“

Noch nicht verschmerzt haben die Top-Adressen der Ingenieurskunst den Abschied vom „Diplom-Ingenieur“. Im Zuge der Bologna-Reform gibt es für Ingenieure wie Naturwissenschaftler nur noch den „Master of Science“. „Dem Dipl-Ing. als akademischen Grad trauern wir nach, aber aus europäischer Sicht muss man sagen: Der Zug ist abgefahren“, meint Schmachtenberg. Er und seine Kollegen wollen nun aber dafür sorgen, dass die Kombination Bachelor/Master der Unis in Ingenieurwissenschaften gleichwertig mit dem bisherigen Diplom-Ingenieur ist. „Nichts anderes erwartet die Industrie von uns.“ Die leidige Bachelor-Frage überlässt der RWTH-Rektor anderen: „Ob ein Bachelor-Absolvent der Universitäten auch in den Ingenieurwissenschaften für die Praxis geeignet ist, muss jedes Unternehmen selbst entscheiden.“

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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