Bildungsökonomie
Wie Migranten die Wirtschaft beflügeln können

In vielen Städten Deutschlands haben tausende Schüler und Studenten ihre Demonstrationen für eine bessere Bildung fortgesetzt. Axel Plünnecke hält die Proteste für legitim. Der Bildungsökonom vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt aber vor falschen Schlüssen. Der Politik rät er, sich mehr um bildungsferne Schichten zu kümmern. Mehr Bildung bei Migranten schaffe auch mehr Wachstumspotenziale für die gesamte Volkswirtschaft, sagt er.

Handelsblatt.com: Herr Plünnecke, jahrelang haben Schüler und Studenten still gehalten, jetzt regt sich Protest gegen die Studienbedingungen und die soziale Hürden des deutschen Bildungssystems. Zu Recht aus Ihrer Sicht?

Axel Plünnecke: Die Probleme des deutschen Bildungssystems liegen länger zurück. Viele aktuelle Reformen wie das G8, die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge weisen in die richtige Richtung, bei der konkreten Umsetzung gibt es jedoch Probleme und Verunsicherungen. Von daher sind die Proteste zu verstehen, auch wenn aus meiner Sicht die falschen Schlüsse gezogen werden.

Woran krankt das deutsche Bildungssystem im Vergleich mit anderen europäischen Ländern?

Dem deutschen Bildungssystem gelingt es nicht, den engen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg der Eltern und Bildungserfolg der Kinder aufzubrechen. Bildungsarmut wird vererbt und zwar stärker als in anderen Ländern. Ein zweites Problem besteht darin, dass zu wenige junge Menschen in den sogenannten MINT-Fächern - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - einen Hochschulabschluss ablegen.

Oft wird Finnland als positives Beispiel in Sachen Bildungssystem genannt. Was machen die Finnen besser als wir?

Die Finnen fördern individuell - bei hohem Förderbedarf auch in kleinen Gruppen, das System ist weniger selektiv als das deutsche. Der Lehrerberuf hat ein sehr hohes Ansehen, die Lehrervergütung setzt durch Zulagen und Prämien auch finanzielle Anreize, die Ziele des Bildungssystems im Unterricht umzusetzen. Die Leistungen der Schüler und Schulen werden systematisch gemessen und auf guter empirischer Grundlage wird zielorientiert dort unterstützt, wo die Probleme am größten sind.

Inwiefern steht unser föderales Bildungssystem der Suche nach Lösungen im Weg?

Das föderale System bietet die Chancen, einen Wettbewerb zwischen den Ländern um das beste System zu entfachen. Hierzu wären aber bundesweit einheitliche Standards und Leistungsüberprüfungen nötig, damit kein Land dem Wettbewerb ausweichen kann. Wichtiger als ein Wettbewerb der Länder wäre aber ein Wettbewerb der Einrichtungen um die beste Qualität. Probleme bestehen an den Schnittstellen der Verantwortlichkeit - so investieren Kommunen in die frühkindliche Bildung und stärken die Bildungschancen der Kinder, die späteren Erträge der Investition in Form höherer Steuereinnahmen und weniger Sozialtransfers landen aber bei verschiedenen Bundesländern, dem Bund und bei der Bundesagentur für Arbeit. Hierdurch sinkt der ökonomische Anreiz, das richtige zu tun.

Es gibt ja bereits verschiedene Reformansätze für unser Bildungssystem, etwa die Einführung einer sechsjährigen Grundschule, die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems oder das Abhalten bundesweit einheitlicher Abschlussprüfungen. Welche dieser Überlegungen halten Sie für sinnvoll?

Empirische Untersuchungen zeigen, dass eine spätere Aufteilung auf verschiedene Schulformen positive Effekte bringt. Daneben ist es besonders wichtig, die frühkindliche Bildung auszubauen. Ganztagsschulen sind ferner ein weiterer Weg , die Schüler besser individuell fördern zu können. Die Gliedrigkeit des Schulsystems hängt im internationalen Vergleich sehr stark von der Bevölkerungsdichte der Länder ab. Diese Frage wird daher wohl pragmatisch beantwortet werden.

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