Biografie
Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

Bald feiert Wolfgang Schäuble seinen 70. Geburtstag. Dazu hat ein Wegbegleiter eine bemerkenswerte Biografie über den Politiker geschrieben. Mit Neuigkeiten über Kohl, Merkel und das Attentat, das alles veränderte.
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DüsseldorfEs ist ein kühler Herbsttag in Oppenau, der 12. Oktober 1990. Ein Freitag. Ein Heimspiel für Wolfgang Schäuble: Die rechte Hand von Kanzler Helmut Kohl ist auf Wahlkampftour in Baden. 22.04 Uhr. Die Rede ist vorbei. Schäuble geht im Applaus Richtung Ausgang. Plötzlich fallen Schüsse. Der sportliche Mann liegt auf dem dreckigen Teppichboden – getroffen von zwei Schüssen aus dem Revolver des 36-jährigen Dieter Kaufmann. „Ich kann meine Beine nicht mehr spüren“, sagt er kurz bevor er das Bewusstsein verliert. Kohls Kronprinz ist in diesem Moment nur knapp dem Tode entronnen. Für ihn beginnt ein zweites Leben.

Hans Peter Schütz war damals dabei. Jetzt hat der Stern-Journalist dieses Erlebnis und viele andere andere aufgeschrieben. Seine Biografie über Wolfgang Schäuble erscheint passend kurz vor dessen 70. Geburtstag und zeigt einen Mann in der Nahansicht, den wir alle zu kennen glauben – und doch nur sehr bedingt kennen.

Die Lebensgeschichte von Wolfgang Schäuble ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Dieser Freitag im Oktober 1990 teilt sich in zwei Hälften. Dieses Attentat, das Schäuble selbst nie so nennt, sondern „den Unfall“, hat alles verändert. Dem geistig labilen Schützen hat Schäuble nie verziehen, auch wenn Dieter Kaufmann Jahre später Reue zeigte. Die Sicherheitsvorkehrungen waren damals viel zu lasch. Aber immerhin hat sich ein Leibwächter vermutlich lebensrettend in den dritten Schuss geworfen – und wurde verletzt.

Die Biografie von Schütz lebt vor allem von der Nähe zu Schäuble und dessen Familie. Schäubles Frau Ingeborg erinnert sich besser an den Satz, den ihr Mann gesagt hatte – und von dem er längst nichts mehr wissen will: „Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?“ Der Autor beschreibt detailliert den Weg des Opfers zurück an den Schreibtisch. Wobei er schon auf der Intensivstation wieder arbeitete.

Schäuble ließ sich ohne Rücksicht aus sich selbst wieder in die Bonner Politik einspannen. Ein Leben ohne Politik konnte er sich nicht vorstellen: „Willst du, dass ich in ein zurückgezogenes Leben umsteige, mit der Gefahr, dass die Unzufriedenheit wächst?“ Die engagierte Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe sagte – natürlich – nein und nahm Schäubles zweitem Leben nicht den Kern.

Schäuble wuchtete Hanteln, um seine Oberarmmuskeln zu trainieren: „Nur kein Mitleid zulassen, Selbstmitleid schon gar nicht.“ Solche Sätze gibt es im Dutzend in der Biografie und sie bleiben in Erinnerung. Schäuble war hart zu sich selbst – aber in den entscheidenden Momenten eben nicht hart genug zu seiner Umwelt. Er ließ sich von Helmut Kohl vor den Karren spannen – und wurde bitter enttäuscht. Und genauso war es Jahre später bei Angela Merkel.

Kommentare zu " Biografie: Was Sie über Schäuble noch nicht wussten"

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  • Schäble ist für mich charakterlos.
    So wie z. B. Merkel mit ihm umgesprungen ist, da ist er dann noch Finanzminister unter ihr.
    Das zeigt doch die ganze Charakterlosigkeit dieses Mannes.
    Und heute ist er der größte (...) udn ist wohl auch noch stolz darauf, dass er Deutschland vernichtet

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

  • @Advo
    Ich habe den Kommentar von karstenberwanger nicht gelesen und will diesen daher nicht bewerten. Ihre Aussage aber, wonach nur ein im Sinne der Strafgesetze Verurteilter als Verbrecher bezeichnet werden kann, müssen Sie nochmal überprüfen. Wurden Gestalten wie Stalin jemals strafrechtlich verurteilt? Auch ohne strafrechtliche Verurteilung würde ich ihn als Verbrecher bezeichnen, von den verdeckten Machern im Hintergrund einmal ganz zu schweigen. Ein Mann wie Kissinger steht hinter begangenen Verbrechen in Vietnam, Kambodscha, Chile etc., wurde hierfür aber niemals strafrechtlich belangt und bekommt zum Schluß noch den Friedensnobelpreis verliehen.

    Zu Schäuble: ein zwielichtiger Politiker und hier muß nicht nur auf Geldkoffer-Affären angespielt werden. Die Art und Weise, wie Schäuble in jüngster Zeit die Abgabe deutscher Souveränitats-Rechte an Europa rechtfertigt ist schon bemerkenswert. "Deutschland war seit dem 8. Mai 1945 ohnehin nie mehr vollständig souverän" so lautete eine der Begründungen. Zumindest hier wurde einmal die Wahrheit gesprochen.

  • "Der Mann, der immer wieder enttäuscht wurde"

    eine kranke 'Gerechtigkeit', jetzt enttäuscht er uns...

    Und er hätte doch sooooo gerne noch ein tolles Amt bei der EU gehabt, aber keiner will es ihm geben.

    Jetzt geht er in die Geschichte ein, als der Mann, der Deutschland verkauft hat...

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