Biographie
Machtmensch mit Harmoniebedürfnis

Der Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz hat sich ausführlich mit dem Leben und Wirken Helmut Kohls beschäftigt. Er zeichnet ihn als respektablen Europäer - aber er spart auch dunkle Kapitel nicht aus.
  • 0

Tausend Seiten über Helmut Kohl - wer will das lesen? Der Autor hat es geschafft, ein spannendes Buch über Kohl zu schreiben, das als Standardwerk über diesen Machtmenschen und Kanzler der Einheit gelten kann. Mit diesem Buch ergeht es einem Leser so: Man fängt irgendwo an zu lesen, legt es wieder weg und greift erneut zum Buch. Schwarz hat nämlich das Buch so gegliedert, dass alle Interessen bedient werden.

Jede relevante historische Periode wird ordnungsgemäß bearbeitet, aber auch Persönliches kommt dabei nicht zu kurz. Dabei gelingt Hans-Peter Schwarz die Gratwanderung zwischen einer respektvollen Darstellung des großen Europäers Helmut Kohl bei gleichzeitiger wissenschaftlicher Korrektheit und der Kenntnisnahme auch der Schattenseiten dieses großen Mannes.

Weder die Spendenaffäre noch einige Fragezeichen am Ende seiner politischen Zeit kommen hierbei zu kurz. Bei der Spendenaffäre stellt Schwarz mit großer Klarheit fest, dass Kohl Herr über ein System schwarzer Kassen war, was rechtswidrig war, politisch und moralisch verwerflich ist. Woher allerdings diese Geldströme kamen, hat auch der Autor nicht herausgefunden. Schwarz ist nicht nur ein ausgewiesener Wissenschaftler, er ist auch ein vornehmer Mensch.

Deswegen vermeidet er in seinem Werk alle Abgründe des Boulevards. So stellt er zwar nüchtern, sachlich dar, wie es zum Freitod von Kohls Frau Hannelore kam und stellt genauso nüchtern dar, wie sich die Beziehung zu Maike Richter später zu einer Ehe verdichtete, spart sich aber alle Anmerkungen auf andere Personen, die man in diesem Zusammenhang hätte nennen können.

Schwarz schützt seine mangelnde Auskunftsfreude in diesem Punkt dadurch, dass er sein Buch ausdrücklich als "politische Biographie" bezeichnet. Wertvoll an Schwarz' Buch sind nicht zuletzt seine Quellen. Er erweist sich als sehr gründlicher Rechercheur und konnte zudem auf zwei sehr aufschlussreiche Quellen zurückgreifen, zum einen auf Aufzeichnungen von Kurt Biedenkopf, dem langjährigen Widersacher Helmut Kohls, der als sehr gründlicher Chronist bekannt ist und der in seinen Aufzeichnungen zwar auch seinen Gefühlen freien Lauf lässt, aber doch die Sachverhalte nüchtern und präzise schildert; zum anderen die Aufzeichnungen und Tagebücher von Walter Leisler Kiep, jenem Mann, an dem sich dann die Spendenaffäre entzündete und der wie kein anderer für Kohls Niedergang steht.

Auch Kiep ist ein scharfer Beobachter. So macht er sich darüber lustig, dass Kohl nach einer ersten USA-Reise vom rheinland-pfälzischen Provinzpolitiker zum großen Weltanalytiker aufsteigt und das CDU-Präsidium mit weitschweifigen Ausführungen über die Lage der Welt im Allgemeinen und der USA im Besonderen unterhält, wobei nahezu allen Anwesenden klar ist, dass es doch nur aus einem relativ beschränkten Horizont und einer geringen Erfahrung heraus erfolgt.

Kommentare zu " Biographie: Machtmensch mit Harmoniebedürfnis"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%