Blick zurück
„Hauptsache, einer is wech“

Auch die erste große Koalition war eine schwere Geburt - das Hindernis waren zwei Bundeskanzler, die am Sessel klebten.

FRANKFURT/M. Der Termin war schon lange vor der Neuwahlankündigung festgelegt - und erlangte durch einen Zufall historische Qualität. Am Donnerstag stellt der Herder-Verlag auf der schwäbischen Alb ein Buch vor, das sich wie ein Leitfaden für Koalitionsbildungen liest: die Biographie von Kurt Georg Kiesinger, dem Kanzler der ersten großen Koalition. Die Autoren erzählen darin, wie einer aus Albstadt ins Kanzleramt kommt - und wie Politiker von Union und SPD fast fünf lange Jahre darauf hinarbeiten, bis es zu einer gemeinsamen Regierung kommt als Antwort auf eine "lange, schwelende Krise", so Kiesinger in seiner Regierungserklärung.

Damals wie heute musste eine entscheidende Fragen beantwortet werden: Wie kriegt man den amtierenden Bundeskanzler weg?

Denn an der Kanzlerfrage war schon einmal eine große Koalition gescheitert, eingefädelt nach der Bundestagswahl 1961, bei der Konrad Adenauers CDU die absolute Mehrheit verloren und die FDP sensationelle 12,8 Prozent errungen hatte. Weil gerade Krise war - sechs Wochen zuvor hatte die SED die Berliner Mauer hochziehen lassen - forderte der SPD-Vorsitzende Willy Brandt eine Allparteien-Koalition: Für ihn und den langfristig denkenen SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner eine einmalige Chance, die SPD aus der bisherigen Ablehnung der Adenauer-Politik an die Regierung zu führen. Der CDU-Bundespräsident Heinrich Lübke und anderen CDU-Granden unterstützten damals Brandt und Wehner, denn sie wollten den mittlerweile 85-jährigen Adenauer loswerden. Aber der wollte als Kanzler nicht weichen. Er versprach nur, dass er zur Mitte der Legislaturperiode seinen Sessel räumen werde - "israelisches Modell" heißt das heute.

Damit konnte der alte Fuchs die FDP in einem sechswöchigen Verhandlungsmarathon zur Koalition überreden. Doch gerade diese Koalition hatte die FDP im Wahlkampf ausgeschlossen und dafür ihren Stimmenrekord eingefahren - seither ist sie die "Umfall-Partei". Ein Trauma, weswegen heute Guido Westerwelle ganz fest verspricht, niemals mit Gerhard Schröder zu koalieren. Und möglicherweise hat Schröder daraus die Lehre gezogen, dass ein Kanzler Wahlen verlieren darf: Er bleibt im Amt, wenn er die FDP auf seine Seite ziehen kann.

Vier Jahre später hatte sich zwar das Szenario verschoben, die Idee von der großen Koalition aber war geblieben: Konrad Adenauer hatte sein Amt "schweren Herzens" an Ludwig Erhard abtreten müssen. Der hatte bei der Bundestagswahl am 19. September 1965 für die CDU gegen alle Voraussagen der Demoskopen ein gutes Wahlergebnis eingefahren - aus Sicht der Union ein Betriebsunfall, denn noch vier Wochen vor der Wahl hatte Adenauer wegen der schlechten Umfragewerte die große Koaliton gefordert.

Erhard musste die Lektion lernen, dass Wahlsieger nicht unbedingt Kanzler bleiben dürfen: Ein Jahr später jagten ihn seine Parteifreunde aus dem Amt. Der Anlass dazu war wieder einmal eine Krise - und was für eine! Bei den Steuereinnahmen klaffte eine Lücke von 3,5 Milliarden Mark, die Arbeitslosigkeit überschritt die magische Zahl von 100 000 bei nur noch 600 000 offenen Stellen. Vor allem aber hatte die CDU die Regierungsmehrheit in Nordrhein-Westfalen katastrophal verloren. In Bayern drohte ähnliches: "Diesmal spielen wir nicht Krise, wir haben sie", gab CDU-Fraktionschef Rainer Barzel das Angriffsziel aus.

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