Blogschau
Ökonomen-Streit wirbelt das Netz auf

Diskussionen im Netz drehen sich meist um das Netz. Doch Blog-Einträge und Twitter-Gespräche heute zeigen: Es kann auch um Ökonomie gehen - und nicht zu knapp. Dafür ist aber auch ein Handelsblatt-Autor verantwortlich.
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DüsseldorfWenn im Netz heiß debattiert wird, dann geht es oft ums Urheberrecht, um Internet-Zensur oder die Piratenpartei. Doch heute war alles etwas anders. Denn es ging im Netz nicht ums Netz. Sondern um Ökonomie. Genauer: Um den offenen Brief von 160 Wirtschaftswissenschaftlern – und vor allem um die Kritik daran.
Den Anfang machte der Ökonom Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung, der den Entwurf des Aufrufs auf seiner Facebook-Seite gepostet hatte. In dem Entwurf verurteilten die Autoren vor allem Pläne zu einer Bankenunion. Handelsblog-Autor Olaf Storbeck griff die Nachricht auf – und schrieb eine vernichtende Kritik: Unter dem Titel „Deutschlands Ökonomen sinken auf Tsipras-Niveau“ erklärt er, dass die Argumentation „demagogisch“ und „platt“ sei. Mit „nüchterner wirtschaftswissenschaftlicher Analyse“ habe das „nur noch wenig zu tun“.

Rund 80 Kommentare finden sich derzeit unter dem Artikel, einige danken für die Gegendarstellung, andere wiederum kritisieren Storbeck heftig: „der Artikel ist des Handelsblatts unwürdig“ schreibt etwa der anonyme User Franz_f_x_s. Einige Kommentare sind schwer beleidigend, doch viele versuchen ihre Meinung ausführlich darzulegen. Mit langen ökonomischen Argumentationen gehen sie gegen Storbeck an.

Das Blog „Wirtschaftswurm“ greift die Debatte auf (später tut es auch der „Wirtschaftsphilosoph“) und unterstützt einige Einwände der Handelsblog-Kritiker. Auch hier schließen sich Kommentare an, in denen ausführlich Stellung bezogen wird.
Andere Blogs namhafter Medien schalten sich in die Debatte ein: Auf „Herdentrieb“ - dem Wirtschaftsblog von Zeit Online – schreibt Mark Schieritz über „Deutsche Ökonomen im Panikmodus“. Ähnlich wie Storbeck nimmt auch Schieritz den Brief auseinander: Er wirft den 160 Unterzeichnern Panikmache und Irreführung vor. Über 100 Kommentare sammeln sich derzeit unter dem Eintrag, auch hier ist der Ton harsch, aber oft genug angefüttert mit ökonomischen Argumenten.

Schließlich veröffentlicht das „Wirtschaftswunder“-Portal der Financial Times Deutschland die Meinungen verschiedener Ökonomen zu dem Thema: Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger zum Beispiel kritisiert den Brief als „schlimmste Stammtisch-Ökonomie“. Das Zitat sitzt. Der Artikel wird so oft verlinkt, dass er lange Zeit den ersten Platz beim Nachrichten-Aggregator Rivva.de einnimmt. Zeitweise stehen fünf Einträge zum Thema auf der Nachrichten-Seite, die mittels Algorithmen das Netz nach den meistdiskutiertesten Inhalten durchsucht.

Auch auf Twitter wird diskutiert – vor allem unter den schon erwähnten Bloggern. Die Ausmaße sind zwar nicht vergleichbar mit netztypischen Themen wie ACTA oder Leistungsschutzrecht, aber - abgesehen von der Target-2-Debatte - hat selten zuvor solch ein komplexes Ökonomie-Thema so eingeschlagen wie der Aufruf der Ökonomen. Man kann das als eine Antwort auf den Vorwurf, dass sich das Netz vorzugsweise um das Netz selbst drehe, verstehen. Die Diskussion hat gezeigt: Das Netz kann mehr als nur Urheberrecht, Internet-Zensur und Piratenpartei. Manchmal kann es auch Ökonomie.

Steffen Daniel Meyer
Steffen Daniel Meyer
Handelsblatt Online / Social-Media-Redakteur

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  • bitte lesen Sie selbst.


    http://www.freiewelt.net/blog-3321/der-vertragsentwurf-zur-transferunion-ist-%F6ffentlich%28%21%29---ziel-ist-die-beendigung-staatlicher-haushaltssouver%E4nit%E4t.html

    Der Ausverkauf ist eingeleitet worden …

    Helfen Sie mit und gehen Sie auf die website mehr-demokratie.de

    Dort finden ein Formular womit Sie dem Verein Ihre Vollmacht erteilen eine weitere Verfassungsbeschwerde einzureichen.

    Lesen Sie online im handelsblatt.com
    Wiwo.de
    Nzz.ch

    160 Ökonomen stellen sich gegen den ESM und den Fiskalpakt

    4 Verfassungsbeschwerden sind in Karlsruhe am 29.06.12 eingereicht worden

    Demos in Karlsruhe, Berlin und München

    Bitte helfen Sie mit dies zu verhindern und senden Sie diese email an all Ihre Bekannten, Kollegen und Freunde.

  • Bankenunion:gleiche Verantwortung gleiche Spielregeln und kompetente Instanzen ,die die gelbe oder rote Karte zeigen koennen.Nur die Bankenunion kann einheitliche Spielregeln durchsetzen. Rekapitalisierung,durch Anteilseigner oder Teilverstaatlichung (VW ist trotz Staat 1.Klasse)

  • Hans-Werner Sinn ist für mich der Mann der Jahres 2012. Er hat die Target-Salden aus dem Morast an öffentliche Oberfläche geholt. Versucht die Bürger wach zu halten, während die "Volksvertreter", bei Brot und Spielen (EM) Fakten schaffen wollen. Dank ans Handelblatt als Sprachrohr für H-W Sinn.

    Gruss OJDM

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