Bologna-Prozess
Studierende brauchen mehr Zeit

Zehn Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses treten Vor- und Nachteile immer stärker zu Tage: Während Personaler die sozialen Kompetenzen vieler Studenten loben, bemängeln sie die geringe Praxiserfahrung der Bachelor-Studenten. Ihre Forderung ist eindeutig: Studenten sollten für ihr Studium wieder mehr Zeit brauchen dürfen.
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BERLIN. Vor zehn Jahren begann der Bologna-Prozess, der die unterschiedlichen Hochschulsysteme in Europa vereinheitlichen soll. Zu den Forderungen der Wirtschaft an die Reform gehört, dass die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge die Studenten stärker auf den Arbeitsmarkt vorbereiten und überfachliche Schlüsselqualifikationen vermitteln sollen. Was die Unternehmen darunter verstehen, hat bereits eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) deutlich gemacht: 71 Prozent der 2 100 befragten Unternehmen bewerten Teamfähigkeit als wichtigste Kompetenz. Berufseinsteiger sollen außerdem selbstständig arbeiten, Einsatzbereitschaft zeigen und gut kommunizieren können.

Viele Personalverantwortliche in großen Unternehmen sehen heute den Reformprozess bei der Einbindung von sozialen Kompetenzen als gelungen an; sie kritisieren jedoch die mangelnde Mobilität der Studenten und die oft geringe Praxiserfahrung. Schuld daran seien vor allem die verschulten Studiengänge.

„Die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen hat sich positiv entwickelt“, erklärt Andreas Schilling, zuständig für Personalmarketing bei Vattenfall Europe. Jedes Jahr stellt das Energieunternehmen konzernweit 40 bis 50 Trainees ein. Ganz zufrieden ist er mit der Entwicklung der Reformprozesse in den Hochschulen jedoch nicht. Bewerber brächten zwar mehr soziale Kompetenzen mit, beim Transfer des Hochschulwissens in die Praxis hapere es jedoch. Das betrifft sowohl Bachelor-Absolventen als auch Bewerber mit Diplom- und Masterabschluss.

„Man sieht, dass die Studenten an der Hochschule Bewerbertrainings absolviert haben und wissen, wie ein Assessment-Center funktioniert“, sagt Schilling. Doch viele von ihnen hätten aber nur unklare Vorstellungen, was sie später im Beruf erwarte.

Auch Michael Kobl, Leiter der Nachwuchsentwicklung bei der HypoVereinsbank, sieht die Bilanz des Reformprozesses gemischt. Positiv sei die Aufwertung der Fachhochschulen und der dualen Studiengänge mit ihren Möglichkeiten, Praxiserfahrung zu erwerben. Auch wenn viele Hochschulen die Bologna-Reform positiv genutzt und umgesetzt haben, seien an einigen Universitäten längere Praktika oft schwierig zu integrieren, weil das „Studium zu starr und verschult“ sei.

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