Bonusprogramm von Krankenversicherungen

Gesundheits-Apps beunruhigen Politiker

Immer mehr Menschen nutzen Fitnessarmbänder – und immer mehr Krankenkassen überlegen, das zu belohnen. Doch welche Folgen hat das für ältere oder chronisch kranke Versicherte? Die Opposition warnt.
Die Techniker Krankenkasse erwägt, die Nutzung von Fitnessarmbändern in ihr Bonusprogramm zu integrieren. Quelle: dpa
Fitnessarmband

Die Techniker Krankenkasse erwägt, die Nutzung von Fitnessarmbändern in ihr Bonusprogramm zu integrieren.

(Foto: dpa)

BerlinDie Grünen haben vor einer Aushöhlung des Solidargedankens in der Krankenversicherung durch Gesundheits-Apps gewarnt. „Beitragsermäßigungen durch die Hintertür für junge und fitte zu Lasten älterer oder chronisch kranker Versicherter sind zutiefst unsolidarisch“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Maria Klein-Schmeink, der Deutschen Presse-Agentur.

Die Techniker Krankenkasse (TK) erwägt, die Nutzung von Fitnessarmbändern in ihr Bonusprogramm zu integrieren. Ein Bonusprogramm weiche aber nichts am Solidarsystem auf, sagte TK-Chef Jens Baas der Deutschen Presse-Agentur. „Eher im Gegenteil: Eine Solidargemeinschaft kann nur funktionieren, wenn es in ihr auch genügend gesunde Menschen gibt. Deshalb ist es uns wichtig, uns nicht nur für die medizinische Versorgung Kranker einzusetzen, sondern auch zu honorieren, wenn sich Versicherte um ihre Gesundheit kümmern.“

Klein-Schmeink argumentierte, insbesondere im Bereich der privaten Krankenversicherung sei der Einsatz solcher Minicomputern, die den Gesundheitszustand von Versicherten bis ins Detail vermessen könnten, „ein weiteres Einfallstor für eine fortschreitende Aushöhlung des Solidargedankens“. Sie warf der Bundesregierung vor, hier wegzuschauen und damit wieder einmal zu offenbaren, „wie wenig ihr an einer starken Solidarität aller Versicherten gelegen ist“.

Wo sich Investitionen in Gesundheit besonders lohnen
Volkswirtschaftliche Aufwärtsspirale
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Zu dem Ergebnis, dass gesunde Lebens- und damit auch Arbeitsjahre, eine volkswirtschaftliche Aufwärtsspirale in Gang setzen, kommen die Managementberatung Bain & Company und das World Economic Forum (WEF) in ihrem Report „Maximizing Healthy Life Years” (2015). „Länder mit gesunder Bevölkerung”, so heißt es dort, „haben einen Wettbewerbsvorteil – vor allem in Zeiten langsamen Wirtschaftswachstums und zunehmender Konkurrenz.”

Gesundheitsvorsorge
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Dennoch, so die Kritik der Macher, liegen die Investitionen in die Gesundheitsvorsorge in den EU-Staaten immer noch weit unter den Ausgaben für die Behandlung kranker Menschen. So sind in den vergangenen 50 Jahren die Kosten für die Behandlung von Krankheiten in den OECD-Ländern um durchschnittlich zwei Prozent pro Jahr gestiegen – und damit stärker als das Wirtschaftswachstum.

Kostenexplosion?
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Weltweit steigt die Lebenserwartung, doch von jedem zusätzlichen Lebensjahr, so heißt es in der Studie, sind die Menschen nur 0,8 Jahre gesund. Die Kosten der Gesundheitssysteme, prognostizieren die Experten, laufen aus dem Ruder. Allein Herz-Kreislauf-Erkrankungen belasten das deutsche Bruttoinlandsprodukt mit rund 37,4 Milliarden Euro oder 1,4 Prozent.

Vorbeugen rentabler als heilen
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Richten Volkswirtschaften ihre Aufmerksamkeit auf die Gesundheitsvorsorge statt auf die bloße Behandlung von Krankheiten, erreichen sie laut Bain-Report deutlich bessere Renditen auf ihr eingesetztes Kapital. Wo Investitionen besonders profitabel sind – unser Überblick.

Was ist Gesundheit?
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Gesundheit ist für die Experten dabei nicht nur das Fehlen von Krankheit, sondern auch körperliches, geistiges und soziales Wohlergehen. Das wiederum verbessert die Sozialstruktur eines Landes, erhöht Arbeitsproduktivität sowie Steuereinnahmen und entlastet die Gesundheitssysteme.

1. Saubere und gesunde Umwelt
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„Fast immer übersteigt der volkswirtschaftliche Nutzen solcher Vorsorgemaßnahmen die dafür aufgewendeten Mittel deutlich“, erklärt Norbert Hültenschmidt, Partner bei Bain & Company und Co-Autor der Studie.

2. Gesunde Schwangerschaft
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„Und trotz ihrer guten Rendite liegen die Investitionen in die Gesundheitsvorsorge weit unter den Ausgaben für die Behandlung kranker Menschen“, sagt Hültenschmidt.

Mit Blick auf den Datenschutz sagte die Grünen-Politikerin: „Die Daten, welche durch den kleinen Begleiter am Handgelenk oder in der Hosentasche erhoben werden, dürfen nicht ohne das Wissen und die Zustimmung der Patientinnen und Patienten in die Hände Dritter gelangen.“ Patienten müssten „die volle Souveränität über ihre Daten erhalten. Sie müssen jederzeit entscheiden können, was mit ihren Daten passiert.“

Nach Angaben der Bundesregierung erfreuen sich Gesundheits-Apps und sogenannte Wearables einer zunehmenden Beliebtheit. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom würde ein Drittel der befragten Nutzerinnen und Nutzer ihre Gesundheitsdaten an Krankenkassen weitergeben, etwa um im Gegenzug Vorzüge zu erhalten.

Es gebe zwar große Potenziale bei der Informationsvermittlung, der Unterstützung beim individuellen Training und der Förderung des Gesundheitsbewusstseins durch die Minicomputer, aber auch erhebliche Risiken besonders für die sensiblen Gesundheitsdaten der Versicherten. Nach einer Studie im Auftrag des Justizministeriums sehen 39 Prozent der Befragten die Verwendung ihrer Daten durch Dritte als Problem an.

TK-Chef Baas kann sich durchaus vorstellen, dass in Zukunft auch Fitnesstracker im Bonusprogramm der Krankenkasse eine Rolle spielen. Er stellte aber klar, dass die Teilnahme freiwillig sei. „Mit Risikobewertung hat das nichts zu tun.“ Anders als die private kenne die gesetzliche Krankenversicherung keine Risikoprüfung oder -bewertung ihrer Versicherten. „Jeder wird ohne Ansehen seiner Person versichert.“

  • dpa
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