Boom der Privatschulen: Wenn Eltern Schulen gründen

Boom der Privatschulen
Wenn Eltern Schulen gründen

Jede Woche eröffnet in Deutschland statistisch gesehen eine neue Privatschule. Geboren aus Frust über Pisa und aus Lust, etwas Neues auszuprobieren. Eltern wollen ihre Kinder, die jetzt ganztags lernen sollen, nicht länger in tristen Klassenräumen und bei manchmal unmotivierten Lehrern ihrem Schicksal überlassen.

Permanenter Stundenausfall sorgt oft für zusätzlichen Ärger. Da übernehmen Mütter wie Väter sogar Hausmeister-, Sekretariats- und Putzarbeiten. In der Kinderkosmos-Schule Esslingen beispielsweise leisten Eltern unbezahlte Arbeitsstunden und zahlen sogar noch Schulgeld von monatlich bis zu 250 Euro.

In Berlin buchen Eltern ein Rundumsorglos-Paket, bei dem der Schulbus die Kids morgens an der Haustür abholt und sie hinterher wieder nach Hause chauffiert. Kostenpunkt der bilingualen Phorms-Grundschule: zwischen 280 und 950 Euro pro Monat. Schulgründer Alexander Olek war auf der Suche nach einer guten Schule für seine eigenen Kinder. Als er die nicht fand, gründete er im letzten Sommer selbst eine: die erste Schule, die einer Aktiengesellschaft gehört; Olek ist ihr Aufsichtsratsvorsitzender. Der Unternehmer – 1998 gründete er das Biotec-Unternehmens Epigenomics, wo er im letzten Sommer ausschied – konzentriert sich mittlerweile ganz auf den Bildungsbereich. Weitere Phorms-Schulen in München, Frankfurt, Köln und Hamburg sollen folgen.

Die Zahl der Privatschulen stieg seit Beginn der 90er-Jahre um die Hälfte: Im Schuljahr 2005/06 gab es 4 637 Schulen in privater Trägerschaft. Dabei sind die finanziellen Bedingungen für Privatschulen gerade in der Gründungsphase schwierig. In den ersten drei Jahren müssen sie ohne staatliche Zuschüsse auskommen. Michael Büchler, Leiter des Pädagogiums Baden-Baden, spricht von einer "faktischen Gründungssperre" durch lange Wartefristen, unnötige Vorgaben, aufwändige Berichtspflicht und komplizierte Lehrergenehmigungsverfahren. "Das Bundesverfassungsgericht hat bereits vor über zehn Jahren festgestellt, dass die Wartezeit keine faktische Errichtungssperre sein darf und wenigstens nachträglich ein finanzieller Ausgleich geschaffen werden muss", betont Büchler. Tatsächlich gewähren aber bislang nur Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen einen Ausgleich, indem sie wenigstens die Hälfte der nicht gewährten Zuschüsse nachträglich zahlen.

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Aber auch später sieht es für viele Privatschulen finanziell nicht rosig aus. Während Bayern sich immerhin zu 95 Prozent an den Kosten beteiligt, Nordrhein-Westfalen zu 94 Prozent und Hessen immerhin noch zu 72 Prozent, beteiligen sich Bremen und Baden-Württemberg nur zu 60 Prozent. "Deshalb müssen Schulen in freier Trägerschaft einen Schulkostenbeitrag erheben, der höher ist, als die Schulen es selbst wünschen", erklärt Büchler.

Die diakonische Stiftung Friedehorst will im Sommer in Bremen das evangelische Eduard-Nebelthau-Gymnasium eröffnen. 500 000 Euro aus dem Nachlass des Bremer Kaufmanns Eduard Nebelthau dienen als Anschubfinanzierung. Friedehorst-Vorsteher Georg-Hinrich Hammer nennt "Mängel im öffentlichen Schulsystem" als Motivation für die Gründung. 300 Euro monatlich werden Eltern für den Schulbesuch ihrer Kinder zahlen müssen, in Ausnahmefällen werden Stipendien vergeben. Die Bremische Evangelische Kirche beteiligt sich nicht an dem Vorhaben, weil sie eine Ausgrenzung ärmerer und bildungsferner Familien fürchtet und ihr eine andere Schulform, zum Beispiel eine Gesamtschule, lieber gewesen wäre.

Doch Gründungsdirektorin Brigitte Thies-Böttcher, die für den neuen Job aus Potsdam an die Weser zieht und bereits seit Jahren ihren Beamtenstatus aufgegeben hat, um an Privatschulen zu arbeiten, zeigt sich unbeeindruckt: "Wir brauchen diese Schule. Kein Stundenausfall, motivierte Lehrer, Wertevermittlung – das sind Dinge, die Eltern heute ganz stark nachfragen."

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Die Schule soll ein klares evangelisches Profil erhalten. So gehören alle Lehrer der evangelischen Kirche an, der Religionsunterricht ist verpflichtend, und die Kinder werden schon früh über Praktika in diakonischen Einrichtungen mit der sozialen Wirklichkeit vertraut gemacht. Der Unterricht ist bilingual, also englisch und deutsch, und in der Oberstufe steht das Fach "Wirtschaft und Ethik" als Schwerpunkt auf dem Plan.

Im speziellen Profil liegt die Stärke jeder Privatschule. So sieht es auch Büchler: "Wir haben eine größere Flexibilität und höhere Autonomie gegenüber staatlichen Schulen und sind pädagogisch innovativer. Wir können Ideen ausprobieren und spontaner umsetzen."

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