Boom schwächt sich ab
Zahl der Zeitarbeiter erreicht neuen Rekordstand

Die Zahl der Zeitarbeiter in Deutschland hat im Durchschnitt des Jahres 2007 erstmals die Marke von 700 000 übersprungen und damit einen neuen Rekordwert erreicht. Der Anstieg hat sich allerdings in der zweiten Jahreshälfte erheblich verlangsamt. Die neuen Daten der Bundesagentur für Arbeit liefern der Regierung Zündstoff.

BERLIN. Die Zahlen ergeben sich aus neuen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die dem Handelsblatt vorliegen. Damit verdichten sich Anzeichen, dass der konjunkturelle Aufschwung am Arbeitsmarkt seinen Höhepunkt inzwischen überschritten hat. Dieselbe Diagnose stellt die Behörde unabhängig davon auch in einem gestern offiziell vorgelegten Finanzbericht.

Konkret waren laut BA-Statistik im Jahr 2007 durchschnittlich 715 056 Menschen in Zeitarbeit beschäftigt. Das sind gut 135 000 mehr als im Jahr zuvor. Im Jahresverlauf hat sich das Bild allerdings deutlich verschoben: Bewegten sich die Zuwächse gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat im ersten Halbjahr 2007 noch in einer Größenordnung von 170 000, so gingen die Zuwächse bis Jahresende schrittweise auf nur noch 90 000 zurück. Seit die rot-grüne Koalition vor fünf Jahren die Vorschriften für Zeitarbeit gelockert hat, hat sich die Gesamtzahl der Zeitarbeiter dennoch inzwischen mehr als verdoppelt.

Die Daten liefern damit weiteren Zündstoff für die politische Debatte. Denn Gewerkschaften und SPD drängen darauf, Zeitarbeit durch Mindestlöhne und weitere Regulierungen einzudämmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dagegen soeben die Bedeutung der Zeitarbeit als „Flexibilitätsinstrument“ bekräftigt. Das Spezielle dieser Beschäftigungsform ist: Die Arbeitnehmer sind bei einem Personaldienstleister angestellt, der sie gegen Gebühren „verleiht“. Die entleihenden Firmen sind dann nicht an den Kündigungsschutz gebunden. Die Gewerkschaften beklagen einen erhöhten Konkurrenzdruck auf die Stammbelegschaften. Sie werfen den Firmen vor, Zeitarbeit oft nicht als Flexibilitätspuffer zu nutzen, sondern zum Drücken von Löhnen.

Das Abflauen des Zeitarbeitsbooms im zweiten Halbjahr 2007 deutet indes darauf hin, dass auch starke konjunkturelle Kräfte am Werk sind. Nach dem üblichen Verlaufsmuster, nutzen Firmen in der Frühphase eines Aufschwungs erst verstärkt Zeitarbeit. Stabilisieren sich dann die Aussichten, geht der Anteil der Zeitarbeiter an den Neueinstellungen zu Gunsten von Stammpersonal zurück.

Prognosen zur künftigen Arbeitsmarktentwicklung erlaubt die Zeitarbeitsstatistik kaum, da die BA sie nur zweimal jährlich mit großer Verzögerung aktualisiert. Sollte sich die Tendenz fortsetzen, würde dies zu einem ausklingenden Aufschwung passen. Im Juni hatte der Arbeitsmarkt aber noch positiv überrascht: Trotz wachsender Konjunktursorgen setzte sich der Abbau der Arbeitslosigkeit mit altem Tempo fort – auf 3,2 Millionen.

In ihrem aktuellen Finanzbericht gibt sich die Behörde beim Blick auf die Zukunft dagegen bereits skeptischer als bisher. Zwar sei es „noch zu früh, um von einem Ende der positiven Entwicklung sprechen zu können“, schreibt sie. Der Höhepunkt scheine aber „bereits überschritten“. Abweichend von den Plänen der Union unterstreicht sie damit auch ihre Vorbehalte gegen eine weitere Senkung des Beitragssatzes: Kehre sich der bisherige Arbeitsmarkttrend um, werde ihr Etat „rasch einer Doppelbelastung aus sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben ausgesetzt sein“, warnt die BA. Bis zur Jahresmitte hatten sich ihre Finanzen mit einem Defizit von 3,3 Mrd. Euro um gut 2,5 Mrd. Euro besser entwickelt, als in der Haushaltsplanung kalkuliert.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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