Brandanschlag auf Flüchtlingsheim
Tröglitz ist überall

Nach dem Brand in einem Flüchtlingsheim in Tröglitz ist die Empörung groß. Doch das Städtchen ist nur ein prominentes Beispiel für eine bundesdeutsche Wirklichkeit: Angriffe gegen Flüchtlinge nehmen exponentiell zu.
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EssenIn Tröglitz in Sachsen-Anhalt protestierten Rechtsextreme wochenlang gegen die Aufnahme von Asylbewerbern. Den Bürgermeister des Städtchens, Markus Nierth, zwangen sie mit Protesten vor seinem Privathaus sogar zum Rücktritt. In der Nacht zum Samstag der Gipfel der Ausschreitungen: Unbekannte zündeten das geplante Flüchtlingsheim an.

Seitdem ragt der Dachstuhl als verkohltes Gerippe in den bewölkten Morgenhimmel, das Bild der ausgebrannten Asylbewerberunterkunft prangt auf allen deutschen Nachrichtenseiten. Die Empörung ist groß. Denn ein politisches Motiv liegt nahe. Sofort melden sich führende Politiker zu Wort: Bundesjustizminister Heiko Maas twitterte bereits am Morgen: „Verdacht in Tröglitz macht fassungslos“. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) will die Täter hinter „Schloss und Riegel“ bringen. Auch andere Politiker meldeten sich zu Wort.

Doch es geht längst nicht mehr nur um Tröglitz. Fremdenhass ist kein Problem der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, sondern zeigt seine Fratze immer wieder in der ganzen Bundesrepublik.

Übergriffe auf Flüchtlingsheime sind in Deutschland keine Seltenheit und häuften sich zuletzt. In der jüngeren Vergangenheit kam es immer wieder zu rechtsextremen Schmierereien, Pöbeleien und Brandstiftungen gegen Asylbewerberunterkünfte. Selbst vor körperlicher Gewalt gegen Flüchtlinge schreckten Rechtsextreme nicht zurück.

Die offiziellen Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 150 Attacken gegen Flüchtlingsheime verzeichnete der Bund allein im vergangenen Jahr, wie eine Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Linken zeigt. Diese Zahl steigt seit drei Jahren stark: Waren es 2012 noch 24 Angriffe gegen Flüchtlinge, stieg diese Zahl 2013 auf 58. Ein Jahr später waren es also fast drei Mal so viele.

Farbkugeln und ausländerfeindliche Parolen

Migranten-Organisationen und Konfliktforscher sprechen von einem Zusammenhang zwischen den steigenden Flüchtlingszahlen und der Zunahme fremdenfeindlicher Gewalt. Überdies vermuten sie, dass die Kundgebungen der Pegida-Bewegung in Dresden und ihrer lokalen Ableger in anderen Städten den Nährboden für Verbrechen gegen Flüchtlinge bereitet haben.

In den Freistaaten Bayern und Sachsen sowie in Berlin, wo Pegida Ende 2014 besonders viele Empörte mobilisieren konnte, lag die Zahl der strafrechtlich relevanten Aktionen gegen Flüchtlingsheime im letzten Quartal 2014 besonders hoch. Elf Angriffe zählte die bayerische Polizei in Bayern, 15 gab es in Sachsen. In der Hauptstadt kam es zu insgesamt 20 Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte – und diese Entwicklung stagniert keineswegs.

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Erinnerungen an die 90er werden wach

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