Buch mit Wehrmachtslied
Oettinger mit neuem NS-Ausrutscher

Von NS-Ausrutschern hat Günther Oettinger die Nase endgültig voll. Nach dem Ärger um die Filbinger-Rede und den Landespresseball 2007 am Jahrestag der Pogromnacht geht der baden- württembergische Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzende nun auf Nummer sicher: Das druckfrische Liederbuch der Südwest-CDU lässt er einstampfen. Grund ist das ewiggestrige „Panzerlied“ der Wehrmacht.

dne/HB STUTTGART. „Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren, schon gar nicht in einem der CDU“, donnerte Oettinger am Freitag. Er habe daher die Landesgeschäftsstelle der Partei am Donnerstag angewiesen, das Buch „Lied.Gut“ einzustampfen und die vorhandenen Bestände zu vernichten. Die bereits ausgelieferten Exemplare sollen allerdings nicht zurückgerufen werden.

Oettinger selbst war es, der zusammen mit Generalsekretär Thomas Strobl die Liedersammlung herausgegeben hat. Wie das Stück „Ob's stürmt oder schneit“ in das Büchlein geraten konnte, ist noch unklar. In dem Lied heißt es: „Voraus die Kameraden, im Kampf sind wir allein. So stoßen wir tief in die feindlichen Reih'n.“ Der Text war in vielen Liederbüchern der NS-Zeit veröffentlicht worden. In einer nicht abgedruckten Strophe des von Oberstleutnant Kurt Wiehle stammenden Liedes steht: „Was gilt denn unser Leben für unsres Reiches Wehr? Für Deutschland zu sterben ist unsre höchste Ehr'.“

Der SPD-Landtagsabgeordnete Stephan Braun kritisierte die „kriegsverherrlichenden Zeilen“ und mahnte: „Das kann kein Mensch mit klarem Verstand und gutem Gewissen singen.“ Daraufhin kündigte Strobl am Donnerstag zunächst an, „das Liederbuch in dieser Form nicht mehr zu verbreiten“, betonte aber auch: „Wir lehnen Bücherverbrennungen ab.“ Diese Formulierung ließ Oettinger vermutlich aufschrecken.

Denn der Vergleich mit der Bücherverbrennung der Nazis drohte die Geister der Vergangenheit wieder heraufzubeschwören: Vor zwei Jahren war Oettinger unter Beschuss geraten, weil er den gestorbenen Ex- Ministerpräsidenten und früheren NS-Marinerichter Hans Filbinger (CDU) als „Gegner des NS-Regimes“ bezeichnet hatte. Einige Monate später hatte er erneut Ärger mit dem Zentralrat der Juden, weil er als Schirmherr des Landespresseballs nicht verhindert hatte, dass dieser auf den Jahrestag der Pogromnacht am 9. November fiel.

Solche Pannen will der Regierungschef nun sichtlich vermeiden - und wird daher auch deutlicher als sein Generalsekretär. Strobl ließ am Donnerstag noch mitteilen: „In der Neuauflage wird dieses Lied nicht mehr erscheinen.“ Doch auch diese Ansage wird am Freitag kassiert: Eine Neuauflage sei vorerst nicht geplant, heißt es im Staatsministerium.

Dessen ungeachtet warf der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, der baden-württembergischen CDU wegen ihres umstrittenen Liederbuchs mangelnde Sensibilität vor. Dass man in der Südwest-CDU nicht gleich erkannt habe, dass diese Lied "mit schriller Begeisterung" den Krieg verherrliche und "marktschreierisch die kriegerische Tötungslust" bejubele, sei "natürlich nur sehr schwer zu verstehen", sagte Graumann am Freitag im Gespräch mit Handelsblatt.com. "Dass man den groben Fehler nun aber prompt korrigiert, ist anzuerkennen. Menschen machen nun mal auch Fehler."

Zentralratsvize Graumann sagte, das umstrittene Lied transportiere das genaue Gegenteil der Ideale von Frieden, Menschlichkeit und Toleranz. "Seine Botschaft widerspricht daher so auffällig dem moralischen Anspruch einer jeder demokratischen Partei, dass es darüber im Grunde gar keine Diskussion geben kann." Die ganze Sache zeige wieder einmal, so Graumann: "Defizite an Sensibilität scheinen sich zu häufen. Umso wichtiger ist es, dass sie dann immer offen und klar angesprochen werden."

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