Buch-Renzension
Bildung ist das einzige, was zählt

In mehr als 80 Städten sind Schüler und Studenten in den Ausstand getreten. Sie fordern Veränderungen im Bildungssystem. Die Bildungsfrage ist auch zentrales Thema im neuen Buch von Thomas Straubhaar und Michael Hüther. Die beiden Star-Ökonomen zeigen in ihrem Werk „Die gefühlte Ungerechtigkeit“ auch Lösungsmöglichkeiten für die Bildungskrise in Deutschland auf.

DÜSSELDORF. In Deutschland geht es nicht gerecht zu. In einem beschämend hohen Maße ist in unserem Land die soziale Herkunft für das Bildungsniveau und damit für den beruflichen Werdegang verantwortlich. An dieser bewiesenen These rütteln Thomas Straubhaar und Michael Hüther keine Sekunde. Aber sie sagen: Die ökonomischen Folgen der Bildungsmisere werden unterschätzt und erstrecht tut die Politik zu wenig, um die Lage zu verbessern.

Hüther und Straubhaar gehören zu den wichtigsten Wirtschaftswissenschaftlern Deutschlands. Der eine ist Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (Hüther), der andere Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Der Titel ihres gemeinsamen Buches „Die gefühlte Ungerechtigkeit. Warum wir Ungleichheit aushalten müssen, wenn wir Freiheit wollen“ macht deutlich, dass es in der Wirtschaft viel gerechter zugeht als viele glauben. Hüther und Straubhaar machen eine klare Absage an den Subventions- und Verteilungsstaat. Sie verfechten die liberalen Ideen der sozialen Marktwirtschaft.

Und zu der, wie zum gesamten menschlichen Leben, gehört nun mal, dass es Unterschiede, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten geben muss. Der Staat, der das verhindern will, reduziert die Kreativität und die Leitungsfähigkeit seiner Bewohner auf ein Minimum. Aber der Staat habe die Aufgabe, allen Menschen das Recht auf dieselbe faire Chance zu gewährleisten. Und hier beginnt das Kernthema des Buches.

Deutschland muss mehr für die Ausbildung seiner Mitbürger tun: „In der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts werden die Klügsten, also die globalen Bildungschampions, auf dem Treppchen stehen – nicht die, die am härtesten arbeiten.“ In der modernen Gesellschaft gibt es nur eine Möglichkeit, langfristig wohlhabend zu sein: Indem man klüger ist als die Konkurrenz. Die Bildungs- wird zur Schicksalsfrage. Übrigens gönnen sich die Autoren an dieser Stelle einen ironischen Seitenhieb auf den Titel ihres Buches: Denn gerade im Hinblick auf die Bildung fühlen die Deutschen die Ungerechtigkeit nicht mehr als es sie tatsächlich gibt.

Hüther und Straubhaar arbeiten weiter mit Ergebnissen aus Meinungsumfragen, um zu belegen, dass die Basis „weiter ist als das System“: Eine Mehrheit will, dass die Bildungswege sich nicht nach dem vierten Schuljahr, sondern erst nach dem sechsten oder womöglich achten trennen. Die Autoren geben der Mehrheit in diesem Fall statt. Das gilt auch für die Forderung, die Ganztagsbetreuung auszudehnen. Es kranke aber an vielen grundsätzlichen Dingen, auch an den Finanzierungsstrukturen. Eine Hauptschuld geben Hüther und Straubhaar den „komplizierten Strukturen“ zwischen Bund, Ländern und Gemeinden, die „jede Durchsicht verschleiern“.

Das Thema Finanzierung behandeln die Autoren sehr vielschichtig. Offensichtlich ist, dass in Deutschland zu wenig in Humankapital investiert wird. Grundsätzlich sei das deutsche Bildungssystem aber nicht unterfinanziert. Allerdings gebe es eine Fehlfinanzierung. Ein Vergleich zwischen Deutschland und dem Durchschnitt der OECD-Länder zeigt: Hierzulande wird im Elementarbereich etwas mehr Geld pro Kind ausgegeben, im Primarbereich und in der Sekundarstufe dafür umso weniger und die Abiturienten und Studenten kosten in Deutschland wieder deutlich mehr als im Ausland. Unterm Strich kostet ein Lernender in Deutschland 7872 Dollar, in der OECD durchschnittlich 7527 Dollar. Es kranke also nicht am Geld, sondern daran, dass es zu wenig in der wichtigen Start- und Übergangsphase zwischen der ersten und zehnten Klasse eingesetzt werde.

Zu beheben sei das Bildungsproblem in erster Linie, in dem das „Zuständigkeitschaos“ zwischen Bund, Ländern und Gemeinden behoben wird. Außerdem fordern die Autoren mehr Durchlässigkeit: Es müsse möglich sein, dass „ein hochqualifizierter Techniker als Meister an die Uni wechseln kann“. Das Schlagwort der Autoren lautet: von der „Inputorientierung zur Outputorientierung“.

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