Buchkritik
So tickt der Bundestag

Ein Jahr auf der harten Besucherbank des Bundestags: Autor Roger Willemsen hat in Berlin dieses Experiment gewagt und danach ein Buch geschrieben, das Emotionen weckt – vor allem Wut.
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BerlinEs ist nicht leicht, in den deutschen Bundestag zu kommen. Auch nicht für Besucher. Ein Jugendlicher darf nicht hinein, solange er das Kaugummi im Mund hat. Es widerspräche der Würde des Hauses, sagt der Schrank von einem Sicherheitsmann. Roger Willemsen beschreibt die Szene in seinem neuen Buch „Das hohe Haus“ und stellt anschließend die Frage: „Aber wird sich auch das Haus der Entsorgung des Kaugummis würdig erweisen?“.

Ein Jahr lang (2013) hat es sich Willemsen auf der harten Besucherbank des Reichstages so gemütlich wie möglich gemacht. Und was er dort erlebte, geht an Überraschung, Verdrossenheit und extremer Unhöflichkeit weit über das hinaus, was ein Kaugummi jemals bedeuten könnte. Willemsens Buch ist trotz einiger Schwächen nicht nur ein Werk des Fleißes und ein Beweis, wie hart auch etablierte Autoren zu sich selbst gegenüber sein können. Es überzeugt auch mit einem streckenweise herrlichen Sprachstil und einer feinen Ironie. Aber vor allem weckt es mehr Emotionen als ein Konzert von Helene Fischer: Der Leser wird wütend, hat Mitleid, lacht mit, lacht über das Beschriebene, ballt die Faust und schlägt sich mit der Hand vor den Kopf.

Was an diesem Buch gefällt ist, dass der Autor die Worte der Politiker mit einem ungehörig großen Feingefühl dreht und wendet. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der 142 getöteten Menschen nahe dem afghanischen Kunduz nach einer durch einen deutschen General angeordneten Bombardierung sagt: „Wenn es zivile Opfer gegeben haben sollte, dann werden ich das natürlich zutiefst betrauern.“ Willemsen hört diesen Satz und macht daraus in seinem Buch folgende Passage: „Das konjunktivische Mitleid: Wenn tot, dann traurig, wenn traurig, dann ‚„zutiefst‘“, und wenn ‚„zutiefst‘“, dann ‚„natürlich‘“. So muss man Merkel erst mal interpretieren.

Großer Sport sind auch die reportageartigen Beschreibungen von Sitzungen: „Ilse Aigner trägt jetzt den Pagenkopf, mit dem Michelle Obama gerade ihre Midlife-Crisis erklärte … Wolfgang Schäuble rast in Hochgeschwindigkeit die Rampe runter, helfende Hände ausschlagend, grüßende schüttelnd … Eine Wichtigkeit liegt in der Luft, der Geräuschpegel steigt … Peer Steinbrück zeigt sich, ein selektives Nicken … Die neue Bildungsministerin Johanna Wanka wird vereidigt. Sie trägt ein französisches Pelzkrägelchen, Merkel den üblichen Brustpanzer …“

Kommentare zu " Buchkritik: So tickt der Bundestag"

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  • Darum hassen unsere Politiker ja auch so die Volksabstimmungen und können angeblich nicht verstehen, dass die Schweiz sich von Europa entfernen will. Es gibt eben echte Demokraten udn es gibt die ausführenden Organe der NWO

  • bitte.

  • ...So tickt der Bundestag.....
    Ein Zitat als Kommentar:
    Am Ende standen die Häuptlinge ohne Gefolgsleute da.
    Das letzte Recht, das sie für sich selbst in Anspruch nehmen konnten, war das Recht, als Letzte zu verhungern.
    Jared Diamond >KOLLAPS<

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