Buchpremiere von Gabor Steingart: Grund für Zuversicht

Buchpremiere von Gabor Steingart
„Leben im Zeitalter der Überforderung“

Grund für Zuversicht

Trotz dieser Probleme, deren Gleichzeitigkeit zur Überforderung und zum teilweisen Kontrollverlust der Eliten geführt habe, sieht Steingart zahlreiche Gründe für Zuversicht. In der westlichen Welt gebe es eine uneingeschränkte und sogar wachsende Presse- und Meinungsfreiheit. Immer mehr Menschen würden sich online vernetzen und austauschen. Es gebe keine Geheimnisse mehr, keine Hegemonie tradierter Medien mehr. „Die schweigende Mehrheit hat aufgehört, schweigsam zu sein“, sagt Steingart.

Sogar die hohe Quote von 52 Prozent Nichtwählern bei der letzten Europawahl liefert für den Handelsblatt-Autor Grund zur Zuversicht. „Nichtwählen ist nicht cool und ist keine Lösung. Aber es ist ein Weckruf. Wenn das politische Angebot nicht ausreichend ist, muss der mündige Bürger das Recht haben, es in Gänze zurückzuweisen.“

Niemals zuvor hätten die Bürger mehr Mitspracherechte, mehr Einmischungspotenzial, mehr politische Macht besessen, wirbt Steingart für eine Beteiligung an der Veränderung der Welt. Die Bürgerproteste gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und die Atomenergie, der Einsatz für eine ökologische Landwirtschaft, alternative Energiearten, Frauengleichberechtigung, die britischen Proteste gegen die EU, das politisch organisierte Unbehagen am Euro – das seien nicht Signale der Entpolitisierung, sondern im Gegenteil Formen des politischen Widerstands gegen eine als widrig empfundene Wirklichkeit. „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der Nein sagt“, zitiert Steingart den französischen Philosophen Albert Camus.

Was er tun würde, wenn er Bundeskanzler würde, fragt ein Gast der Buchpremiere. „Die Prämisse ist zu groß, die Komplexität zu hoch, um mal eben drei oder vier Punkte aufzählen zu können“, antwortet Steingart. Um dann doch noch eine Botschaft nach Berlin zu senden: Der Politik fehle es an Nachdenklichkeit und Selbstreflexion. Worin bestehen Alternativen zu Krieg, beschleunigter Vergemeinschaftung und Verschuldung? „So wie jeder Kaufmann einmal im Jahr Inventur macht, sollte die Politik sich selbst einer Bewusstseinsinventur unterziehen.“

Gabor Steingart: Weltbeben – Leben im Zeitalter der Überforderung. Knaus 2016, 240 Seiten, 16,99 Euro

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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