Bücher über die Stasi
Leben mit dem Paralleluniversum

20 Jahre nach dem Mauerfall ist die Aufarbeitung der SED-Diktatur noch immer nicht abgeschlossen. Das Handelsblatt stellt drei Bücher vor, die die Geschichte und Machenschaften der Stasi aus unterschiedlichen Perspektiven aufarbeiten.

DÜSSELDORF. Der Arm der Stasi reichte weit. Das zeigt eine Episode von 1972: Mit Schmiergeld an Unionsabgeordnete brachte die Staatssicherheit der DDR das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt (SPD) zu Fall – und Rainer Barzel (CDU) wurde nicht Kanzler. „Wir haben das getan“, bekannte Staatsratschef Erich Honecker später, „weil diese Regierung für uns angenehmer ist als eine Regierung von Barzel und Strauß.“ Wo überall hatte die Stasi noch ihre Finger drin? War die westdeutsche Friedensbewegung fremdgesteuert? Dass der Polizist und Ohnsorg-Attentäter Karl-Heinz Kurras für die Stasi arbeitete, sorgte erst jüngst für Aufregung – und für die Erkenntnis: Wer „BRD“ sagt, muss „DDR“ immer mitdenken.

Allein deshalb müssten die im Parlament vertretenen Parteien ein Interesse daran haben, aufzuarbeiten, ob und inwieweit auch sie ausspioniert, gar beeinflusst wurden. Oder ist das Gegenteil der Fall? Als die FDP im Mai den Antrag stellte, die Vergangenheit des Bundestags seit 1949 systematisch zu durchleuchten, fand sie dafür keinen Rückhalt. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnte davor, „die Unkultur der Verdächtigung noch anzuheizen“.

Tatsächlich ist der Blick zurück zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall nötig wie eh – damit auch künftige Generationen zwischen Amnestie und Amnesie zu unterscheiden wissen. Die Flucht vor der Vergangenheit lohnt nicht, früher oder später holt sie jeden ein – zumal, wenn Autoren wie Uwe Müller und Grit Hartmann sie nicht ruhen lassen wollen.

In ihrem Buch „Vorwärts und vergessen!“ ziehen die Journalisten eine bedrückende Bilanz. Die Aufarbeitung des Erbes der SED-Diktatur habe das Land überfordert. Rund 75 000 Ermittlungsverfahren mündeten in kaum mehr als 1 000 Anklagen. Letztlich verurteilt wurden 753 Menschen, die meisten davon auf Bewährung. Eine Haftstrafe antreten mussten gerade mal 46 Angeklagte. „Im Licht dieser Urteilspraxis“, schreiben die Autoren, „scheint das SED-Regime rehabilitiert“. Allein 2006 habe das Land die in einem Jahr aufgelaufene Sachbeschädigung härter sanktioniert als die Verbrechen einer ganzen Diktaturepoche.

Solche Vergleiche sind nicht frei von Polemik – aus jeder Zeile des Buches spricht Empörung über den Umgang mit den Hinterlassenschaften der SED-Diktatur. Daneben glänzt es jedoch mit einer Fülle an Fakten, die die Monstrosität der totalitären Herrschaft jenseits der Mauer und den schwierigen Prozess der Aufarbeitung dokumentieren.

So schildern die Autoren das politische Lavieren der Parteien vom „großen Wegsehen, das Kohl und Schäuble im Sinn hatten“, bis hin zur Linken, die noch heute „jedem Stasi-Spitzel eine Heimat bietet“. Sie beleuchten die Schwächen des Rechtsstaates bei der Verfolgung von Straftaten in Verbindung mit dem SED-Regime und stellen der deutschen Justiz ein Armutszeugnis aus. Zudem zeigen die Autoren Kontinuitäten auf, die noch heute für Empörung sorgen – erst jüngst wieder, als einmal mehr offenbar wurde, dass Ex-Stasi-Leute im öffentlichen Dienst tätig sind. So mancher Kader behielt Einfluss in Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur auch im vereinten Deutschland. Das niederschmetternde Fazit: „Die Gewaltfreiheit der Revolution ist vielfach bewundert worden – allerdings hatte sie gesellschaftspolitisch ihren Preis. Sie begünstigte von Anfang an die stille Restauration.“

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