Bürgerliche Grüne
Die Ober-Bürgermeister

Die Grünen, einst Ökopartei, sind nun massentauglich. Ihre Spitzen umgarnen das bürgerliche Lager - das ist folgerichtig, aber gefährlich. Ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.

STUTTGART. Werner Wölfle hält sein Gesicht in die Sonne, er muss lachen, als er an seine Idee denkt. Er sitzt auf der Terrasse eines Cafés vor dem Stuttgarter Landtag. Vor ein paar Wochen, vor den Kommunalwahlen, wollte der Stuttgarter Spitzengrüne, dass seine Partei mit einem Arzt oder Banker die Stadt zuplakatiert. Nicht so wie die SPD für die EU-Wahl, nein, ganz ohne Neid. "Meine Frau wählt schon grün", hätte der Arzt oder Banker auf dem Plakat sagen sollen. Wölfles Parteifreunde haben ihm das ausgeredet. Es stimme ja, dass eher gebildete Frauen die Grünen gewählt hätten. Man müsse aber Rücksicht auf die Stammklientel nehmen, das verstehe er doch.

Es hat auch so geklappt, in Stuttgart sogar besonders gut. Wölfles Grüne haben der CDU die Mehrheit im Stadtrat abgenommen. 25 Prozent der Stimmen, ausgerechnet in der bürgerlich-bräsigen Landeshauptstadt. Es war eine Sensation, Wölfle wurde über Nacht berühmt. Wegen des Ergebnisses, aber auch wegen der Signalwirkung, die über Stuttgart hinausreicht.

Der Sozialarbeiter Wölfle, 55 Jahre alt und lange Jahre Bereichsleiter bei der katholischen Caritas, ist ein gutes Beispiel für die grüne Welle, die - seit den jüngsten Wahlen gut sichtbar - das Land erfasst hat. Vor vielen Jahren war er mal Trotzkist, "die waren damals die Schlausten", sagt Wölfle. Seit zwölf Jahren ist er Chef der Stuttgarter Grünen, seit drei Jahren auch Verkehrspolitiker im Landtag. Wölfle trägt Second-Hand-Jackett zu Jeans, ist aber mit mehr Christdemokraten per Du als mit Sozis. Seine Grünen, die ehemalige Partei der Spontis und Radikalökos, haben es in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Sie erobern die Bürgerlichen. Nicht nur in Stuttgart.

Die Kommunalwahlen am 7. Juni brachten den Grünen ungeahnte Erfolge: Sie waren nicht nur in Uni-Städten stärkste Partei, sondern auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Bei der zeitgleichen Europawahl legten sie zu und bekamen gut zwölf Prozent - so viel wie nie zuvor.

Es wäre nicht möglich gewesen ohne die Stimmen aus dem Bürgertum. Und es passt zu den Meldungen aus den Landesverbänden, dass die Partei zunehmend Ärzte und Anwälte, Handwerker und Selbstständige anlockt. Bisher nicht unbedingt Stammkundschaft.

Die Wähler werden bürgerlich, die Parteifunktionäre auch. So sitzt seit einiger Zeit der Banker Eugen Schlachter für die Grünen im Landtag. "Milieu bin ich nicht", sagt der. Schlachter ist Vorstandssprecher der Raiffeisenbank Dellmensingen in Oberschwaben, er fliegt schon mal zum Helicopter-Skiing nach Kanada.

Aus der Nähe betrachtet, sind die guten Ergebnisse im Südwesten kein Zufall. Dort haben die Grünen ihre Fundis schon vor vielen Jahren an den Rand gedrängt. Und auch im Berliner früheren Szenebezirk Prenzlauer Berg, in dem sich ein städtisches, bürgerliches Publikum breitgemacht hat, sind Wahlergebnisse von teilweise mehr als 40 Prozent wenig überraschend. Dort profilieren sich die Grünen mittlerweile als Kämpfer gegen Ekel-Restaurants und sorgen dafür, dass die Szene auf der Straße den Anwohnern nicht die Nachtruhe raubt.

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