Special

Bürgerschaftswahlen 2015

Porträt Jens Böhrnsen
Der Fast-Bundespräsident von der Weser

Die Verluste der SPD bei der Bürgerschaftswahl sind herb. Als dienstältester Regierungschef eines Bundeslandes will Jens Böhrnsen den Regierungsauftrag aber erfüllen. An Problemen herrscht im Stadtsaat kein Mangel.
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BremenWenn andere in Rente gehen, will Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) noch einmal nachlegen. Doch am Sonntagabend hat er eigentlich eine herbe Schlappe erlitten. Und auch wenn der 65-Jährige dennoch Regierungschef bleiben kann - die Koalition, möglicherweise Böhrnsens dritte rot-grüne, hat schwere Aufgaben vor sich. Spardruck, soziale Spaltung, hohe Arbeitslosigkeit. An Problemen herrscht im kleinsten Bundesland kein Mangel.

Böhrnsen ist durch und durch Bremer, ein Hanseat reinsten Wassers, der sich selbst einen „in der Wolle gefärbten Sozialdemokraten“ nennt. Ein Leben außerhalb seines Landes an der Weser kann er sich nicht vorstellen. Viele Bremer schätzen das. Trotz aller Probleme und Sorgen in dem hoch verschuldeten Zwei-Städte-Staat steht Böhrnsen persönlich in Umfragen stets gut da. Er behält die Ruhe, auch wenn es um ihn herum turbulent wird.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagt über Böhrnsen, er sei ein Typ, wie er in der Politik selten zu finden sei, „der gar nicht gerne in der ersten Reihe steht, aber dort hingehört“. Er schätze den Bremer Regierungschef so sehr, weil auf ihn immer absolut Verlass sei.

Als gebürtiger Bremer ist Böhrnsen einer der Vorzeige-Hanseaten der deutschen Sozialdemokratie. Verbindlich im Ton, entschieden beim Kampf um die Sache und sicher in Stil und Umgang. Nach dem überraschenden Rücktritt des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler 2010 fand sich Böhrnsen als Bundesratspräsident vorübergehend im höchsten Staatsamt wieder und bekam viel Lob. Manch politischer Akteur hätte es gut gefunden, wenn Böhrnsen das Amt gleich ganz übernommen hätte. Der Regierungschef wird auch von politischen Gegnern als Verhandlungs- und Gesprächspartner geschätzt.

Der Jurist hatte im Oktober 2005 von Henning Scherf (SPD) das Bürgermeisteramt und ein Bündnis mit der CDU übernommen. Nach der Wahl 2007 wechselte er den politischen Partner und regiert seitdem mit den Grünen. Eines der größten Defizite der Bremer Gesellschaft ist gleichzeitig Böhrnsens wichtigstes Anliegen: der soziale Zusammenhalt. Es bedrückt ihn, dass Bremen den höchsten Anteil armer Kinder in Deutschland hat.

Der Weg in die Politik war für den Sohn einer Arbeiter- und Gewerkschafterfamilie nicht selbstverständlich. Nach dem Jurastudium in Kiel und Hamburg wurde er Verwaltungsrichter in seiner Heimatstadt. 1995 zog er erstmals in die Bürgerschaft ein, bereits vier Jahre später übernahm er den Fraktionsvorsitz.

Böhrnsen ist zweifacher Vater und in dritter Ehe verheiratet. Von seinem Privatleben gibt er wenig preis. „Ich wohne hinter dem Deich eines Nebenflusses der Weser. Das heißt, ich gehe nur ein paar Meter und dann habe ich den schönsten Blick auf wunderbare Landschaft.“ Als Kultursenator, der er auch ist, besucht er gerne Ausstellungen, Museen und Konzerte. Er liebe das Meer und die Küste, sagt der 65-Jährige. „Ich fahre gerne in andere Städte, und es gibt zahlreiche, die ich sehr mag, aber eine Alternative, um dort zu leben, die gibt es nicht.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Bremen ist seit Kriegsende fest in der Hand der Sozialdemokraten. Bei acht Landtagswahlen erreichten sie sogar die absolute Mehrheit. Nach dieser ununterbrochener „Herrschaft“ kann kein Politiker auf den augenblicklichen selbstgemachten miserablen Zustand stolz sein.
    Und dann kommen gerne wieder die volksverdummenden Platitüden: -„Eines der größten Defizite der Bremer Gesellschaft ist gleichzeitig Böhrnsens wichtigstes Anliegen: der soziale Zusammenhalt. Es bedrückt ihn, daß Bremen den höchsten Anteil armer Kinder in Deutschland hat“ –
    Kinderarmut hört sich so besorgt an. Aber sogenannte „Kinderarmut“ ist in Wirklichkeit die Armut der ganzen Familie. In Familien soll es auch Erwachsene geben. Und wenn diese kein vernünftiges Auskommen haben, das erzeugt dann eben Armut.
    Daß Bremen aktuell als Schlußlicht in praktisch allen Feldern - trotz erheblicher Mittel aus dem Länderfinanzausgleich – dasteht, ist keine gute Referenz für die über Jahrzehnte wirkende politische Kraft. Es ist ein deutlicher Hinweis daß wirtschaftspolitisches Versagen einen Namen hat.

  • yfsdfrgt

  • Ca. 50% Wahlbeteiligung und Wahlkampfkostenerstattung als hätten 100% der Bürger gewählt.
    Das ist ein weiterer Nachweis, dass die "Parlamentarische Demokratie" längst zur einer "Oligarchie der Parteien" verkommen ist.
    Diese ungerechtfertigte Bereicherung sollte SOFORT beendet werden und zwar in ganz Deutschland für jede Wahl.
    Gleichzeitig könnten die "Bunten Plakate ohne Aussagen", durchaus als finanzielles Regulativ, ersatzlos entfallen.

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