Buh-Rufe symbolisieren Wende im Verhältnis SPD - IG Metall
Kanzler verteidigt Reformkurs

„Diese Politik verdient keinen Beifall“, steht auf schwarzen Schildern, die die Delegierten auf dem IG-Metall-Gewerkschaftstag am Mittwoch in Hannover auf ihren Tischen vor sich aufgebaut haben. Schon der Empfang für den Kanzler in seiner Heimatstadt war frostig.

HB HANNOVER. Eisiges Schweigen herrscht, als Schröder am Mittwochnachmittag das Congress Centrum betritt, kaum eine Hand rührt sich zum Beifall. Als er an seinem Platz ankommt, ertönen die ersten Buh-Rufe und Pfiffe. SPD übersetzen die Metaller nur noch mit „Sozial Politische Demontage“.

Die Wut der Metaller auf den Kanzler hat sich auch nach der 45-minütigen Rede Schröders nicht gelegt. „Das sind Sachen, die wir von einer rot-grünen Regierung nicht erwartet hätten“, schimpft der Delegierte Willi Herold. Er spricht von Sozialabbau, vom Kampf für die Tarifautonomie. „Wir müssen gegenhalten“, fordert auch sein Kollege Willy Seedorf. Überrascht habe ihn die Rede des Kanzlers nicht, meint der Metaller Reinhard Spilker. Denn Zugeständnisse habe er von Schröder an diesem Tag sowieso nicht erwartet.

Das hat der Kanzler auch nicht vor. „Ich bin nicht hier, um um Beifall zu bitten, sondern, um die Politik, die notwendig ist für unser Land zu erklären“, sagt er zu Beginn seiner Rede. Und, auf einen Zwischenrufer reagierend: „Was hast Du denn erwartet? Meinst Du, ich komme hier her und sage, ich bin nicht von der Richtigkeit der Agenda überzeugt?“ Zu den Reformen gebe es keine Alternative, aber er wünsche eine „faire Auseinandersetzung“. Ähnliches war schon vor drei Wochen bei einem Kongress der Chemie-Gewerkschaft IG BCE ebenfalls in Hannover von ihm zu hören.

Die Buh-Rufe für Schröder symbolisieren die Wende im Verhältnis der IG Metall zur SPD. Noch nie war ein Kanzler der Sozialdemokratie, über Jahrzehnte der natürliche Verbündete der Metaller, von einem Gewerkschaftstag der IG Metall derart empfangen worden. Beim letzten Metall-Kongress in Hannover 1974 gingen Gewerkschafter und SPD noch Hand in Hand. Damals schenkte Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) dem Metall-Chef Eugen Loderer einen Keil - mit der Aufforderung, dass dieser niemals zwischen SPD und IG Metall getrieben werde.

Die Zeiten haben sich dramatisch geändert. Mit Entsetzen verfolgten viele Metall-Delegierte, wie der Widerstand in der SPD-Fraktion gegen die Arbeitsmarktreformen zusammenbrach. In der IG Metall herrscht ohnmächtige Wut auf die SPD. „Die Agenda 2010 hat dafür gesorgt, dass das Verhältnis deutlich abgekühlt ist“, sagt der Delegierte Uwe Jeschin aus Wuppertal. Die Kritik der Metaller richtet sich vor allem dagegen, dass bei den Reformen die „kleinen Leute“ über Gebühr belastet werden. „Früher war die SPD mal die Partei der Arbeitnehmer. Wir haben in letzter Zeit erlebt, dass es nicht mehr so ist“, schimpft der Delegierte Gustav Lierzer aus Erlangen.

Schröder weiß aber genau, dass es die nach dem beispiellosen Machtkampf im Sommer innerlich geschwächte IG Metall schwer haben dürfte, Massenproteste im Herbst zu organisieren. Der erste Versuch im Mai gegen die „Agenda 2010“ geriet zum Fiasko. Noch einmal dürfte die IG Metall die Probe nicht wagen, heißt es bei Insidern - auch wenn viele Metaller von Massendemonstrationen oder gar Streiks träumen. Die „Agenda 2010“ sorgt aber immerhin für eines: am Widerstand gegen die Reformpolitik können sich die Metaller moralisch aufrichten und intern wieder die Reihen schließen.

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