5 Bewertungen ****
19.09.2008 
Unternehmenssteuerreform

Bumerang-Effekt bei der Wegzugsteuer?

von Donata Riedel

Eigentlich sollte die Unternehmenssteuerreform zusätzliche Steuereinnahmen garantieren: Die Architekten des Gesetzes wollten Deutschland Einnahmen sichern, wenn Firmen Teile ihres Geschäfts ins Ausland verlagern. Mit dem umgekehrten Fall haben sie nicht gerechnet – warum Unternehmensverlegungen ins Inland den Fiskus teuer zu stehen kommen könnten.

Die 2008 fällige Funktionsverlagerungsbesteuerung soll Finanzminister Steinbrück jährlich 1,8 Mrd. Euro in die Kasse spülen. Foto: ReutersLupe

Die 2008 fällige Funktionsverlagerungsbesteuerung soll Finanzminister Steinbrück jährlich 1,8 Mrd. Euro in die Kasse spülen. Foto: Reuters

BERLIN. Die Bundesregierung hat sich unbedacht möglicherweise ein Einfallstor für milliardenschwere Steuerausfälle geschaffen – und das ausgerechnet durch einen derjenigen Bausteine der Unternehmensteuerreform, die zusätzliche Steuereinnahmen bringen sollten. Darauf hat gestern BDI-Präsident Jürgen Thumann anlässlich einer ersten Bilanz der Unternehmensteuerreform hingewiesen. Der Bumerang-Effekt könne jedenfalls bei der neuen Wegzugsteuer für Unternehmen auftreten.

Die Architekten der Reform, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) und Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), wollten Deutschland Steuereinnahmen sichern, wenn Firmen Teile ihres Geschäfts ins Ausland verlagern: Sie hatten beobachtet, dass Konzerne neue Produkte in Deutschland entwickeln und die hohen Kosten hierzulande steuerlich geltend machen – die gewinnbringende Produktion dann aber in Niedrigsteuerländer verlagern. Deshalb schrieben sie in das Unternehmensteuergesetz, dass bei derartigen „Funktionsverlagerungen“ das „Gewinnpotenzial“ versteuert werden muss.

„Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Unternehmen, die einen Teilbereich ins Inland holen, dessen Gewinnpotenzial abschreiben können“, sagte BDI-Steuerexperte Berthold Welling. Das könnte den Fiskus teurer zu stehen kommen: Wenn zum Beispiel die Commerzbank nach der Übernahme der Dresdner Bank deren Londoner Investmenttochter nach Deutschland verlegen würde, könnte dies ein Gewinnpotenzial von 7,5 Mrd. Euro bedeuten, das steuerlich absetzbar wäre. Der BDI hofft jetzt, mit dem Verweis auf dieses Risiko Steinbrück doch noch zur Rücknahme der seit 2008 fälligen Funktionsverlagerungs-Besteuerung bewegen zu können.

Finanzstaatssekretär Axel Nawrath lehnt dies allerdings ab: Das Risiko sei bekannt, aber vertretbar, sagte er auf einer Fachtagung. Die neue Regel soll dem Fiskus jährlich 1,8 Mrd. Euro zusätzliche Einnahmen bringen. Entscheidend dafür, ob sie tatsächlich mehr oder weniger Steuereinnahmen bringen wird, ist das Verhalten von Unternehmen. Nach einer Welle von Verlagerungen ins Ausland sah der BDI in jüngster Zeit einen Trend zur Rückverlagerung ganzer Abteilungen nach Deutschland, vor allem im Mittelstand.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Die Milliardärin Penny Pritzker aus Chicago soll nach US-Medienberichten Wirtschaftsministerin in der Regierung des designierten Präsidenten Barack Obama werden. Mit dieser Personalie nimmt die Regierungsmannschaft zwei Wochen nach der US-Wahl allmählich Gestalt an.Bildergalerie 

  • Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlos...

    Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlossen wurde

    Auf dem Weltfinanzgipfel in Washington wollten die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung vereinbaren, die eine Finanzkrise, die die ganze Welt in die Rezession treibt, in Zukunft verhindern soll. Was beschlossen...Bildergalerie 

  • Was führende Köpfe vom Finanzgipfel e...

    Was führende Köpfe vom Finanzgipfel erwarten

    Nichts Geringeres als eine neue Weltfinanzordnung wollen die 20 Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte am Wochenende in Washington aus der Taufe heben. Was Politiker, Konzernchefs, Ökonomen und andere führende Köpfe aus der Finanzwelt vom Weltfinanzg...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kein Ausweg aus der Finanzkrise in Sicht  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Hermann-Josef Knipper

Der letzte Tag der „Euro Finance Week“ in Frankfurt hat das ganze Drama der Macht- und Ratlosigkeit der Finanzbranche deutlich gemacht. Nach der harschen Kritik von Bundespräsident Horst Köhler, der nicht weniger als ein neues Weltfinanzsystem gefordert und viele Schuldige benannt hatte, mühten sich Banker, Ökonomen und Notenbanker um Auswege aus der Krise. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Deutscher Bauernstaat  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Helmut Hauschild

Die Bundesregierung tut sich mit ihrer Agrarpolitik als Industriestaat keinen Gefallen. Kommentar