0 Bewertungen
15.02.2007 
Neue Gesetzesvorschrift

Bund und Länder hadern mit Hartz-IV-Panne

von Dietrich Creutzburg

Ein unscheinbarer Satz im Sozialgesetzbuch sorgt bei den Kommunen für Aufregung. Eine neue Gesetzesvorschrift zur Wohnkosten-Erstattung erweist sich als undurchführbar – den Jobcentern droht eine Überlastung, die Kommunen bangen um ihr Geld. Hinter vorgehaltener Hand sprechen Fachleute von einer echten Panne.

BERLIN. Die Passage lautet: „Bei der Erstattung der Bundesbeteiligung ist der Zeitraum maßgeblich, für den die (...) Leistungen erbracht wurden.“ Geschrieben steht er in einem zum 1. Januar neu gefassten Paragraphen über den finanziellen Anteil, den der Bund den Kommunen für Unterkunftskosten ihrer Hartz-IV-Bezieher erstattet. Praktisch droht den Jobcentern damit, dass sie sich vor lauter Abrechnungsbürokratie kaum noch um die Hilfe für Langzeitarbeitslose kümmern können. Hinter vorgehaltener Hand sprechen Fachleute von einer echten Panne, die dem Gesetzgeber in der Weihnachtszeit unterlaufen sei.

Die Regelung gibt den Kommunen und ihren Jobcentern ein neues Verfahren vor, um Unterkunftskosten abzurechnen: Bisher wurden in jeder Kommune monatlich die betreffenden Ausgaben addiert und dann über die Landesregierung anteilig dem Bund in Rechnung gestellt. Nun fordert das Gesetz aber, alle Einzelbuchungen ihrem Ursprungsjahr zuzuordnen. Damit müssten die Jobcenter zum Beispiel alle im Frühjahr 2007 auflaufenden Heizkostenabrechnungen für Hartz-IV-Haushalte termingerecht in das Jahr 2006 zurückbuchen. Die Computersoftware gibt das aber nicht her. Daher ließe sich die Vorgabe vorerst nur dadurch erfüllen, dass die Jobcenter-Mitarbeiter alle Einzelrechnungen von Hand überprüfen und richtig verbuchen.

„Das wäre geradezu ein Wahnsinn“, sagte etwa Josef Ludwig, Geschäftsführer des Jobcenters Köln, dessen Träger die Stadt und die örtliche Arbeitsagentur sind, dem Handelsblatt. Köln gilt weithin als Muster eines gut organisierten Jobcenters. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) bestätigt das Problem: Zwar stünden die gefragten Daten theoretisch in der BA-Software „A2LL“ zur Verfügung, erläuterte ein Sprecher. Doch gebe es keine Funktion, um die Daten für den gefragten Zweck abzurufen. Die BA-Software sei nun einmal nicht als Abrechnungssystem für Unterkunftskosten konzipiert, da dies Angelegenheit der Kommunen sei. In der Tat fließt die fragliche Bundesbeteiligung – 2006 waren dies insgesamt vier Mrd. Euro – nicht der Bundesagentur, sondern den Kommunen zu.

Die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz (CDU) hat bereits bei Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) Alarm geschlagen. „Beispielsweise müssten für eine korrekte Abrechnung allein bei der Stadt Stuttgart monatlich über 22 000 Fälle überprüft werden“, schreibt sie in einem dem Handelsblatt vorliegenden Brief an Müntefering. „Ich bitte Sie daher um eine rasche Lösung dieses bundesweiten Problems.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dass dieses Problem überhaupt entstehen konnte, hat mit der schwierigen Vorgeschichte der Neuregelung zu tun.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

weiterBildergalerien

zurück
  • Reif für die Senioren-Union? 60 Jah...

    Reif für die Senioren-Union? 60 Jahre Seehofer

    Als er als Ministerpräsident nach Bayern kam, schmiss er alle über 60-Jährigen aus dem Kabinett. Jetzt erreicht der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer selbst die magische Grenze. Doch das wird er durchstehen – wie er schon so manch...Bildergalerie 

  • G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, P...

    G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, Paläste

    G8-Gipfel sind nicht ohne Demonstranten denkbar. 1999 fand der letzte „normale“ Gipfel statt – in Köln. Seither igeln sich die Staatschefs an schwer zugänglichen Orten ein. Ein Rückblick.Bildergalerie 

  • Große Koalition: Bilanz mit Schönhe...

    Große Koalition: Bilanz mit Schönheitsfehlern

    Die Finanz- und Wirtschaftskrise bestimmt die Tagesordnung des Parlaments seit bald einem Jahr - und hat mit dazu beigetragen, dass die Große Koalition mehr Gesetze beschlossen hat als einst die Regierung von Kanzler Gerhard Schröder in der Legislaturperiode ...Bildergalerie 

vor

 

 

Vorhersage Deutschland

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kreditklemme: Berliner Drohkulisse  Artikel in Merkliste

05.07.2009, 16:32 Uhr von Donata Riedel

Die Drohgebärden aus berlin zeigen, dass sich die Regierung keineswegs sicher ist, bis zur Bildung der nächsten Regierung im Spätherbst genug für die Bankenstabilisierung getan zu haben. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Schweizer Eigentore  Artikel in Merkliste

03.07.2009 von Torsten Riecke

Die Schweiz hat ein echtes PR-Problem. Das Bild des Schweizer Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz, der sich dem deutschen Finanzminister Peer Steinbrück beugt, ist in Erinnerung geblieben. Es war nicht der letzte Fauxpas des Schweizers. Kommentar

Handelsblatt Marktplatz

Wollen Sie möglichst viel Geld vom Finanzamt zurück? Die KONZ Steuersoftware mit 1000 ganz legalen Steuertricks hilft Ihnen dabei. Weiter