Bundesländerranking
Was Deutschland von Schweinfurt lernen kann

Der große Vergleich der Leistungskraft der deutschen Bundesländer sieht Bayern weit enteilt – der einzige ernstzunehmende Konkurrent, Baden-Württemberg, schwächelt. Auf der Suche nach dem ewig bayerischen Erfolg.
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Es wäre der perfekte Moment gewesen, sich dem Jubel der Massen hinzugeben, einmal den Volkstribun zu spielen. Im Herbst 1993 kommt der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) nach Schweinfurt, die Stadt liegt am Boden. Die Arbeitslosigkeit kratzt an der Marke von 20 Prozent, westdeutscher Höchstwert. Innerhalb eines Jahres sind 10.000 Stellen verloren gegangen, in einer Stadt von 50.000 Einwohnern. Die drei großen Arbeitgeber der Stadt, die Wälzlagerhersteller SKF, FAG und Sachs, befinden sich allesamt in existenziellen Krisen, bei FAG scheint der Konkurs kaum noch abwendbar.

Den ganzen Sommer über hat die IG Metall Tausende Arbeiter auf die Straßen getrieben, mal bilden sie eine Fackelkette von den Fabriken zum Arbeitsamt, mal pusten Zehntausende in die Trillerpfeifen, die Kirchenglocken schlagen dazu den mahnenden Takt.

Doch Stoiber widersteht der Versuchung. Statt Millionenbürgschaften für die maroden Unternehmen bringt er ein vages Versprechen: Bayern werde Schweinfurt unterstützen, es zum Beispiel für den Strukturwandel stark machen. Als Sofortmaßnahme soll eine Abteilung des Landessozialgerichts an den Main verlagert werden, mit 50 Arbeitsplätzen. Die Trillerpfeifen werden lauter.

19 Jahre später kann sich Stoibers Erbe Horst Seehofer im wirtschaftspolitischen Erfolg sonnen, der seinen Ursprung auch in dieser Art von Zurückhaltung hat. Sollte er die Landtagswahl im kommenden Jahr gewinnen, wird das daran liegen, dass es den Menschen im Freistaat einfach zu gut geht, um nach Veränderung zu rufen. Schweinfurt ist heute nicht mehr nur Inbegriff einer der letzten schweren Wirtschaftskrisen in Bayern, sondern auch Symbol des viel beneideten Erfolgs: Heute zählt die Region sogar mehr Arbeitsplätze als vor der großen Krise. Bayern zeigt hier, dass es nicht nur die Erfolgswelle zu reiten versteht, sondern auch den Strukturwandel managen kann.

Bayern hat Baden-Württemberg zum wiederholten Male in den Schatten gestellt.

Das zeigt sich eindrucksvoll im aktuellen Bundesländer-Ranking des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), erstellt im Auftrag der WirtschaftsWoche und der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Im zehnten Jahr landet Bayern dabei zum neunten Mal auf dem ersten Platz.

Im Gegensatz zum ebenfalls erfolgsverwöhnten Nachbarn Baden-Württemberg baut Bayern zudem seinen Vorsprung an der Spitze aus: Lagen die beiden Länder beim letzten Niveau-Vergleich vor der Finanzkrise 2009 – auf Basis der Daten von 2008 – nur 0,6 Punkte auseinander, sind es im aktuellen Ranking deutliche 3,6 Punkte. Während Bayern (65,8 Punkte) damit immer unangefochtener an der Spitze liegt, bekommt Baden-Württemberg (62,2) zunehmend Konkurrenz. Hamburg liegt nur noch 0,4 Punkte zurück. Auf den hintersten Rängen im Niveau-Vergleich finden sich nach wie vor viele ostdeutsche Bundesländer, doch die Sphären nähern sich an: Mit Sachsen und Thüringen konnten zwei Ostländer an Bremen vorbeiziehen.

Die Ursachen zeigen sich im Dynamik-Ranking. Während beim Niveau die jüngsten verfügbaren Werte der Bundesländer in den einzelnen Kategorien verglichen werden, bildet der Dynamik-Vergleich die Entwicklung innerhalb von drei Jahren ab. Diesmal wird hier also verglichen, wie sich die Bundesländer zwischen Vorkrisenniveau (2008) und dem jüngsten Wirtschaftsboom (2011) verändert haben. Dabei landen Brandenburg, Sachsen und Berlin auf den ersten drei Plätzen, während Sachsen-Anhalt (Platz 7) sogar vom westlichen Nachbarn Niedersachsen überholt wird.

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Was Deutschland von Schweinfurt lernen kann

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Woher kommt der bayrische Erfolg?

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Gekonnte Strukturpolitik

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  • Gold in Bayern,
    glänzt auch nicht immer. Ich persönlich wohne knapp 20Kilometer von Schweinfurt weg. Die Stadt Schweinfurt hat mit die höchste "Sozialhilfequote" in Bayern, und auch einen hohen Anteil von außereuropäischen "Ausländern". Genau dort liegt auch der immens hohe Prozentsatz der Kinderarmut. Auch bei der Beschäftigung sind, wie eben beim Call-Center, im Dienstleistungsbereich sehr viele Billig-Lohn-Arbeitsplätze entstanden. Und zu vergessen ist nicht, dass Schweinfurt ja nur die Fördergelder auf Grund der parteipolitischen CSU-Seilschaften bekommen hat (Das steht ja durch die Blume auch im Bericht.) Ausführlicher möchte ich jetzt nicht darauf eingehen. Und schon ist man dem Freistaat und der Strauß-Partei auf den Leim gegangen. Der sogenannte Freistaat weist nämlich immer noch die größten Differenzen aller Bundesländer auf. Angefangen von den Fördergeldern für Wirtschaft, Kultur, Bildung, Infrastruktur (usw.) bis hin zu den konkreten Arbeitsmarkt-, Abwanderungs-, Armutszahlen (usw.) sind die Unterschiede zwischen den Regionen im Norden und Süden Bayerns so groß, dass es keine anderen vergleichbaren Gefälle in irgendeinem Bundesland gibt. Ob die SPD gewillt wäre hier Abhilfe zu schaffen, steht auf einem anderen Blatt. Schließlich profitiert SPD-Mann Ude am Meisten im Subventions-Sumpf Münchens von der Zentralstaatspolitik in Bayern.
    Wieso jetzt Baden-Württemberg in den letzten Jahren so abfällt, lässt nur einen Schluss zu. Unfähige Regierungen - wohl schon seit Oettinger. Ach ja, föderale Politik betreibt übrigens eher Baden Württemberg.

  • In Bayern sind die Autobauer und Autozulieferer einer der größten Arbeitgeber des Landes. Allein die Schaeffler Gruppe beschäftigt 29.000 Mitarbeiter in Deutschland.

  • An die Addresse von JAR gerichtet:

    Guter Mann, natürlich gibt es im Leben keine 100 prozentige Garantie für Objektivität und Fairness. Gleichwohl werfen Sie hier mit Andeutungen um sich, für die Sie keinerlei Belege und Beweise geliefert haben.
    So kann es nicht gehen. Runtermachen per Unterstellung wirkt bei manchen Zeitgenossen immer, ist aber hochgradig unseriös und unangemessen. Wenn Sie keine seriösen Beweise -oder zumindestens starke Indizien- für Ihre Unterstellungen liefern können, dann sollten Sie den Mund halten. Aber vielleicht gefällt es Ihnen ja nur nicht, dass die Dinge im Bajuwarenland noch relativ gut laufen.

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