Bundesparteitag
„Die Grünen haben den Schuss gehört“

Die Grünen geben sich auf ihrem Parteitag ungewohnt harmonisch. Die Flügel der Partei sind kaum noch erkennbar, das Programm beschließt die Partei mit großer Mehrheit. Jetzt will sie an der FDP vorbeiziehen.
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BerlinEs beginnt mit einem Desaster: Canan Bayram aus Berlin-Kreuzberg – die, die Christian Ströbele nachfolgen soll – hält ihren Spitzenkandidaten gleich zu Beginn des Parteitages vor laufendenden Kameras vor, sie sähen aus wie „Ortsvereinsvorsitzende der CDU“ – und schafft es in die Tagesschau. Damit nicht genug: Dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, Rechtsaußen der Partei, der soeben ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ veröffentlicht hat, rät Bayram, er solle „einfach mal die Fresse halten“. Blöder kann ein Wahlparteitag nicht anfangen.

Wie sehr das die ohnehin enorme Nervosität der Spitzen-Grünen noch erhöht hat, hört man kurz darauf, als Bundesgeschäftsführer Michael Kellner den Fauxpas aus Kreuzberg brüllend zurückweist.

Die Grünen hatten vor dem entscheidenden Wahlparteitag eine „furchtbare Zeit", erzählt eine führende Landespolitikerin. Die Wahlen in NRW und dem Saarland haben sie vergeigt, die Umfragen waren zweitweise so schlecht, dass die ersten Delegierten schon die Fünf-Prozent-Hürde fürchteten. Grüne gelten Vielen als überholt, überflüssig. Volk und Medien interessierten sich viel mehr für die wieder auferstandenen Liberalen.

Hinzu kommen die selbstgemachten Probleme: Ein Spitzenkandidat, Cem Özdemir, der nur 75 Stimmen mehr bekommt als der Hoffnungsträger Robert Habeck aus dem Norden, und eine Spitzenkandidatin, Katrin Göring-Eckardt, die viele Menschen zu brav finden. Und ausgerechnet am ersten Tag des Parteitages stirbt der Altkanzler: Die Grünen gehen medial völlig unter.

Doch dann geschieht das Unvorhergesehene. Die Grünen fokussieren sich wie nie zuvor in ihrer Geschichte auf klare Großziele: Den Umstieg auf die erneuerbaren Energien, den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor und – ja auch das – die Ehe für alle. Noch überraschender jedoch ist die Harmonie, mit der sie das Wahlprogramm Punkt für Punkt abarbeiten: Kein nennenswerter Änderungsantrag kommt durch, nirgends erleidet die Parteispitze eine echte Niederlage, all die üblichen Verdächtigen halten sich zurück.
„Das ist ein evolutionärer Riesenschritt nach vorn für die Grünen“, sagt ein Bundestagsabgeordneter beeindruckt nach der Abstimmung am Schluss. Vorn auf der Bühne tanzen da schon die versammelten Spitzengrünen zu Musik von Nena. Ihr hatten sie ihr Parteitagsmotto „Zukunft wird aus Mut gemacht“ geklaut.

„Die haben echt den Schuss gehört“, sagt ein Anderer, der sehr lange für führende Grüne gearbeitet hat und die Partei im Bund und Ländern kennt. Die streitbaren Grünen vereint in Harmonie und nach vielen Jahren wieder konzentriert auf ihr historisches Thema Ökologie? Eine wundersame Wandlung, genährt aus dem Frust der verloren Wahl 2013 und der Angst, völlig in der Versenkung zu verschwinden.

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