Bundesparteitag : Die SPD wird nicht erwähnt

Bundesparteitag
„Die Grünen haben den Schuss gehört“

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Die SPD wird nicht erwähnt

Cem Özdemir hält noch am Freitag Abend eine seiner besten Reden überhaupt. Darin attackiert er schonungslos die „Klima-Kanzlerin“, die ihre Klimaziele krachend versäumt, geißelt FDP-Chef Lindner als „Fred Feuerstein des Industriestandortes Deutschlands“, weil er so am Verbrennungsmotor hänge. „Über die Vergangenheit von Porsche kann man mit ihm wunderbar reden“, so Özdemir über den bekennenden Sportwagen-Fan Lindner, „aber über die Zukunft von Porsche redet man besser mit mir“. Die SPD erwähnt er mit keinem Wort. Den Altkanzler würdigt der frühere EU-Abgeordnete Özdemir elegant und staatstragend : „Wir verneigen uns vor einem großen Europäer“.

Eine geschickte Regie tut ihr übriges: Hinter dem Schwaben hatten die Organisatoren dutzende Bundestagskandidaten aufgestellt. Das Signal war deutlich: Ich war lang umstritten, aber jetzt steht die Partei hinter mir. Hinter Katrin Göring-Eckardt stand dann am Samstag eine Masse neuer Mitglieder, als sie eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede hält.

Am späten Samstagabend sorgte sogar der bei vielen Grünen mittlerweile verhasste Palmer für Versöhnung, als er überraschend das Wort ergreift: Ströbele habe ihm erklärt, dass er die Kreuzberger „bis aufs Blut gereizt“ habe. Das tue ihm leid. Die Grünen im Harmonierausch.

Die entscheidende strategische Vorarbeit war wenige Wochen zuvor erledigt worden: Das Zehn-Punkte-Programm, das das Programm auf wenige Seiten verdichtete, und weich formulierte. Dieses Kurzprogramm konnten am Ende alle unterschreiben, vom Super-Realo Winfried Kretschmann, der vielen Grünen wegen seiner Nähe zur Autoindustrie verdächtig ist, bis zum Linken Spiritus Rektor Jürgen Trittin.

Und es ist Kretschmann der den Grünen knarzend versichert, dass sie mitnichten überflüssig sind: 2016 war das drittheißeste Jahre der Geschichte, schon heute zwinge der Klimawandel mehr Menschen zur Flucht als alle Kriege zusammen. Kurz: „Es geht darum, ob unser Planet vor die Hunde geht oder nicht“, predigt der von seinen Parteifreunden so oft als Industriefreund geschmähte, einzige Regierungschef der Grünen. Ein Drittel aller Arten sei bedroht, das „ganze System droht zu kollabieren“. Und genau deshalb „werden wir Grüne mehr gebraucht als je zuvor“.

So eingeflogen, konnte sich am Sonntag das kleine grüne Wunder ereignen: Mit überwältigender Mehrheit nimmt die Basis sowohl das Zehn-Punkte-Programm, als auch das ausführliche 106-Seiten-Programm an – und das ohne schmerzliche Änderungen.
Zugleich verschaffen sich die Delegierten Özdemir und Göring-Eckardt die ersehnte Beinfreiheit. Sowohl die Festlegung auf rot-rot-grün als auch das Nein zu einem Bündnis mit der CSU werden hinweggefegt. Es sind die führenden Linken wie Toni Hofreiter und Simone Peter, die den linken Kritikern klarmachen, dass „auf Ausschließeritis kein Segen liegt“.

Hofreiter gibt den Unwilligen Zucker: „Wir wollen regieren. Aber ich kann euch nicht sagen mit wem. Mit Sahra Wagenknecht, die dem homophoben Putin Liebesgrüße nach Moskau schickt? Mit Thomas Oppermann, der viel ankündigt, aber nicht einhält? Mit Anti-Öko-Lindner? Und Obergrenzen-Horst?“. Der Parteitag lacht und merkt gar nicht, dass Hofreiter Angela Merkel nicht einmal erwähnt hat. Die Angereiste hören aber die zentrale Botschaft: Dass es nur darauf ankomme, „Wozu wir regieren!“, und das soll 2017 eben nicht mehr ein endloser Wunschzettel samt unzähliger Steuererhöhungen sein, sondern Klima, Klima Klima.

Das Unerwartete gelingt: Die Grünen starten geeint wie nie in den Wahlkampf. Jetzt wollen sie vor den Liberalen Platz drei erobern. Die Chancen stehen nicht schlecht. Am Parteitagssonntag liegen beide in der neuesten Umfrage bei sieben Prozent.

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Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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