Bundesparteitag
Piraten in Not

Können sich die Piraten zusammenraufen? Auf dem Parteitag in Bochum unternehmen die Freibeuter jedenfalls einen Versuch und wollen ihr zerrüttetes Verhältnis zu Mitgliedern und Wähler kitten.
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BerlinFrisch Verliebte? Man sollte Sie krankschreiben. Für sechs bis acht Wochen mindestens, dann ist das Allerschlimmste vorbei. Bis man sich wieder vernünftig mit Ihnen unterhalten kann und Sie sich wieder für das aktuelle Tagesgeschehen interessieren. Das schrieb vor einigen Jahren die Schriftstellerin Ildikó von Kürthy empfehlend im Umgang mit akut Verliebten und es wäre auch der Ratschlag gewesen, den man den Deutschen im Umgang mit der Piratenpartei hätte geben müssen.

Als Anfang des Jahres deutsche Medien und Wähler Frühlingsgefühle für die Freibeuter entwickelten, schien nichts unmöglich. Die Piraten waren die Partei derjenigen, die mit der Politik eigentlich schon abgeschlossen hatten, die Partei der Enttäuschten. Egal ob ehemalige Christdemokraten, Sozialdemokraten, Freidemokraten, Grüne, Linke oder Nichtwähler: Die Freibeuter lockte mit der Aussicht darauf, allen eine neue politische Heimat sein zu können. Kein Wunder also, dass die Partei in Umfragen auf zweistellige Ergebnisse kam, in vier Landesparlamente einzog und von Neumitgliedern geradezu überrannt wurde.

Und dann kam der schnöde Alltag. Ärgerlicherweise. Vorbei das Blitzlichtgewitter, das die Freibeuter beim Jubeln über den Wahlsieg bis in die letzte Pore ausleuchtete. Vorbei die Zeit, in der die neue Liebe auf politische Fragen mit „keine Ahnung“ antworten konnte und dennoch - oder sogar gerade deswegen - angehimmelt wurde. Übrig blieb das ernüchternde Bild einer Partei, die alles sein möchte, aber nur wenig davon tatsächlich ist.

Kurz: Die Frühlingsgefühle sind verflogen und nach der rasanten Jagd von Umfragehoch zu Umfragehoch findet sich die Partei in der Situation wieder, um die einstige Zuneigung erbittert kämpfen zu müssen. Zeit für eine Analyse der Problempunkte.

Kommentare zu " Bundesparteitag: Piraten in Not"

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  • Wenn man sieht, daß diese "Party-Partei" schon einmal über 10% Zustimmung erhalten hat, kann man sich vorstellen, wie schlecht wir regiert werden.

    Eine Partei mit diesem Parteiprogramm:
    (750 Anträge stehen noch aus)

    Bedingungsloses Grundeinkommen, freie Fahrt mit Bussen und Bahnen, keine Probleme mit Drogen-Konsum, freie Partnerwahl: Jeder mit jedem, wie bei den den Affen,
    alle Analphabeten der Welt in unsere Sozial-Systeme etc.etc.

    Jetzt ist es soweit gekommen, daß laptop-schwingende Chaoten mit solchen Forderungen tatsächlich die Chance haben, ernst genommen zu werden.

    Mit Sandalen-Ponader, einer HatzIV-Führungsperson, die zu Spenden für sich selbst aufruft!

    Haben wir denn noch alle Tassen im Schrank, daß wir uns auch nur länger als 1 Minute mit diesem Unfug beschäftigen?

  • Haben Sie eine Ahnung, was in Deutschland alles möglich ist.
    Außerdem ist nicht jeder ein Rechtspopulist, der das größte Wahnsinnsprojekt aller Zeiten, gegründet von dilettantischen, europa-romantischen Polittrotteln, ablehnt.

  • Ich glaube da irren sie gewaltig. Netz, Internet und IT sind letztlich Spiegel der gesellschaftlichen Organisation. Deshalb gestaltet das Netz die Gesellschaft ebenso deutlich wie die Gesellschaft das Netz.
    Speziell die Themen Datenschutz und Urheberrecht sind in letzter Konsequenz geeignet das gesamte aktuelle Gesellschaftsmodell in Frage zu stellen.
    Das ist den meisten Bürgern nur noch nicht bewusst geworden und die bisherigen Machtträger haben wenig Interesse es bewusst zu machen.
    Also allein mit dem Stamm Thema der Piraten lässt sich die aktuelle Politik komplett aufrollen.
    Die Piraten sollten sich nicht von der interessegeleiteten Ahnungslosigkeit der Medien irre machen lassen, die letztlich nur versuchen die Piraten in ihr Schema zu pressen.
    Wer sich von den Medien nötigen lässt, deren Fragen zu beantworten, kann nicht die Fragen der Bürger bedienen, sondern stützt nur das Macht- und Meinungskartell der etablierten Kräfte.
    Also die Frage nach Außenpolitik und sonstigen Themen sind völlig irrelevant, sie beantworten sich rechtzeitig von selbst als Konsequenz aus den Grundthemen.
    Wer meint für die Piraten einen Wunschkatalog an politischen Zielen formulieren zu müssen, kann letztlich nur an dem dadurch erzwungenen Populismus letztlich scheitern. Das ist schon der SPD und auch den Grünen so ergangen, deren Glaubwürdigkeit deshalb so gelitten hat, da sie kaum mehr mehrheitsfähig sein können.

    H.

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