Bundespräsident Köhler
Einer für alle

Klammheimlich bereitet der Stab von Bundespräsident Horst Köhler den Boden für dessen Wiederwahl. Eines ist ihm bereits geglückt: Sein politisches Outfit hat Köhler erfolgreich ausgetauscht. Eine Handelsblatt-Reportage.

BERLIN. Das Hoch „Andrea“ war noch nicht im Anmarsch, stattdessen hieß es im Park von Schloss Bellevue: Land unter. Bundespräsident Horst Köhler betritt betont jovial die Bühne, unbeirrt vom gnadenlos wie schlechte Kritiken niederprasselnden Regen. Unter einem Meer von über 2 000 blauen Regenschirmen ducken sich die Gäste vor den üblen Ausläufern eines Atlantik-Tiefs. Doch wie es nur präsidiale Hoheiten können, trotzt Köhler der Naturgewalt und lässt sich vom Peitschen des Regens auch nicht seine Sicht der Dinge nehmen: „Ich freue mich darüber, so viele bekannte Gesichter zu sehen.“ Lieblich regnen seine Worte auf die Schirme und lösen nachsichtiges Lachen aus. Denn zu sehen gibt es viel – nur keine Gesichter.

Das ist auch nicht nötig. Der Bundespräsident ist dafür bekannt, dass er im In- wie im Ausland unbeirrt dem vorbereiteten Wortlaut seiner Reden die Treue hält, egal wie wankelmütig sich die Wirklichkeit um ihn herum zeigt. Wohl auch wegen dieser eisernen Unbeirrtheit ist er einer der beliebtesten Präsidenten, die die Bundesrepublik kennt.

Doch die oft unbekümmert daherkommenden Worte täuschen darüber hinweg, dass es im Innern des Präsidialamts gewiefte Taktiker gibt, die mit solch bürgernahen Tönen eine Strategie verfolgen. Und die heißt nahezu ausschließlich: den Boden für Köhlers Wiederwahl düngen. Zurzeit, im Sommer 2007, ist das Land gut bestellt. Der Bundespräsident kann mit dem sicheren Gefühl durch die Sommerpause schreiten, dass er wiedergewählt werden wird. Wenn er es denn will.

Denn seit Monaten arbeiten der Stab und der Präsident erfolgreich daran, diese seine Wiederwahl am 23. Mai 2009, kurz vor der angepeilten Bundestagswahl, auf Kiel zu legen. „Das Einmalige an Köhler ist wohl: Noch nie zuvor hat sich ein Bundespräsident im Amt so weit von seinen eigenen Vorstellungen und denen seines politischen Lagers verabschiedet wie dieser“, lobt ein SPD-Abgeordneter den „Neoliberalen“ und bis dato „parteiischsten Bundespräsidenten“, wie der bayerische Genosse Ludwig Stiegler bisher gerne fabulierte.

Doch selbst angesichts der mühsam errungenen Akzeptanz bei den Genossen will Köhler sich öffentlich nicht festlegen, ob er eine zweite Runde drehen will. Erst in einem Jahr will er das, wenn alle Landtagswahlen geschlagen und deren Auswirkungen auf die Stimmenzahl in der Bundesversammlung, die allein den Bundespräsidenten wählt, bilanziert sind. Bis dahin wäre es ein grobes Vabanque-Spiel, wollte Köhler eine zweite Kandidatur hinausposaunen.

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