Bundespräsident Köhler
Unter dem Terror der Erwartungen

In dieser Woche wird Bundespräsident Köhler über die Begnadigung des Ex-RAF-Mitglieds Christian Klar entscheiden. Ob Köhler will oder nicht: Es wird auch eine Entscheidung über seine Chancen zur Wiederwahl. „Offen und notfalls unbequem“ – diese einstige Entschiedenheit hat er jetzt schon verloren.

BERLIN. Der bleiche, übermüdet wirkende Mann nimmt sich immer wieder selbst zurück. Erst findet der Grauhaarige im dunkelgrauen Anzug eine politische Entscheidung „lächerlich!“, dann ruckt er zurück: „bemerkenswert“. Schnell entfährt ihm: „Ich fordere!“, schon nimmt er sich an die Kandare: „Ich denke.“ Ein andermal schilt er erbost „Heuchelei“, legt sich dann aber erschrocken selbst an die Leine und knurrt: „So nicht!“ Horst Köhler, der deutsche Bundespräsident, hat zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt, er werde „offen und notfalls unbequem“ sein. Mittlerweile, drei Jahre im Amt, hat er diese einstige Entschiedenheit verloren.

Ein Unentschiedener ist er geworden, ein Mann des „Sowohl-als-auch“. Und muss jetzt doch eine Entscheidung treffen, die an Klarheit und Folgenschwere kaum zu überbieten ist. Diese Woche will der Präsident bekannt geben, ob er den einstigen RAF-Terroristen Christian Klar begnadigt oder bis 2009 im Gefängnis lässt. Es wird nicht nur eine Entscheidung über Christian Klar sein – sondern auch eine über das eigene politische Schicksal.

Selbst wenn sich Horst Köhler nach einem anstrengenden Tag in Hintergrundgesprächen in lockere Momente vorwagt, den weißen Hemdkragen aufknöpft und am Rotwein nippt, zeigt er sich heute eher als ehrliche Haut denn als ungestümer Kritiker. Er plaudert munter drauflos, bleibt dabei aber stets auf der Hut. Die Kritik aus allen Lagern des Parlaments an seinem Amtsverständnis, tagesaktuell in Politik einzugreifen, setzt ihm zu. Er fürchtet, vom lebendigen Berliner Betrieb an die Außenlinie des politischen Spielfelds gedrängt zu werden. Da ist Obacht gefragt. Denn das Abseits ist ein Trauma des Flüchtlingkindes Köhler. Auch seine jüngsten Odysseen quer durch die Länder der Welt hat dieses Trauma genährt: Dort wie hier wurde er nur sehr dürftig wahrgenommen. Das irritiert. Wird er noch ernst genommen?

Von der überwiegenden Mehrheit der Deutschen auf jeden Fall. Stets rangiert der Präsident auf der nach unten offenen Beliebtheitsskala der Politprominenz ganz oben. Bis zu 82 Prozent erklären sich mit ihm einverstanden. Doch droht ihm selbst hier, bei dieser virtuellen Machtbasis, der Liebesentzug. Sollte er den wegen Mordes zu sechsmal lebenslänglich verurteilten und seit 24 Jahren einsitzenden Christian Klar begnadigen, stieße dies sicher auf radikale Ablehnung der großen Mehrheit derjenigen, die ihn „mögen“. Dann wäre er zwar tatsächlich einmal zutiefst unbequem. Doch diese Tugend der Unabhängigen, die er so hoch hält, könnte einen hohen Preis kosten: Hin wäre es mit dem Popularitätsbonus, den die Deutschen stets ihren Bundespräsidenten schenken. Denn mindestens so stark wie seine Popularität ist die Ablehnung einer Begnadigung des so uneinsichtigen wie eiskalten Exkillers Klar.

Schon dass Köhler den Häftling am vergangenen Freitag traf, kam nicht gut an. Statt zu versöhnen, droht er nun die Nation zu spalten.

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