Bundespräsident
Warten auf Horst

Seit acht Jahren hofft ein polnisches Dorf auf den Besuch seines berühmtesten Sohnes. Doch auch bei seiner Polenreise lässt Bundespräsident Horst Köhler Skierbieszów wieder links liegen. Dabei lässt sich die tragische Geschichte von Polen und Deutschen hier bis heute wie in einem Mikrokosmos studieren. Eine Spurensuche.

SKIERBIESZOW. Sie warten auf Horst. Seit gut acht Jahren. Sie warten auf einen Brief aus Berlin und dann natürlich vor allem auf ihn. Dorfvorsteher Mieczyslaw Barton sitzt in seinem kleinen, mit Grünpflanzen und Pokalen vollgestellten Büro. Nur Akten hat der erste Mann von Skierbieszów keine mehr im Dienstzimmer mit dem welligen, abgewetzte Parkett. Die lagern derzeit im Flur, weil Rathaus und Polizeistation des polnischen Dorfes gerade renoviert werden.

Eine frische Schicht aus grauem Putz haben die Arbeiter am Rathaus schon aufgetragen, und eine neue, dritte Etage haben sie auf das Gebäude gepflanzt. Alles für den hohen Wunschgast aus Deutschland? „Nein“, wehrt der brummig-hemdsärmelige Barton ab, „das tun wir nicht für den Präsidenten. Das war schon lange geplant.“

Aber Skierbieszów, das 1 300-Einwohner-Dorf an der Grenze zur Ukraine, wird bereit sein für den Tag, an dem sein berühmtester Sohn heimkehrt: Horst Köhler. Heute kann Bürgermeister Barton den deutschen Bundespräsidenten wieder nur im Fernsehen begucken, wenn der zu seinem zweiten Antrittsbesuch nach Polen reist. Wieder lässt Köhler Skierbieszów links liegen, obwohl sich hier die tragische Geschichte von Polen und Deutschen im 20. Jahrhundert, die die bilateralen Beziehungen bis heute ein ums andere Mal vergiftet, wie in einem Mikrokosmos studieren lässt. Spurensuche.

Es war im Jahre 2000, als die Bürger von Skierbieszów Horst Köhler wiederentdeckten. Da wurde der Finanzstaatssekretär Köhler zum Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington befördert. Jener Horst Köhler, der am 22. Februar 1943 in Skierbieszów geboren wurde. Drei Monate zuvor waren Mutter Elisabeth, Vater Eduard und die sechs älteren Geschwister Köhlers als „Volksdeutsche“ aus Siebenbürgen dort angesiedelt worden. Im Landstrich im heutigen Rumänien herrschte nun die Rote Armee der Sowjets.

Ein IWF-Chef aus Skierbieszów! Dorfvorsteher Mieczyslaw Barton gratulierte stolz.

Vier Jahre später sandte er wieder Glückwünsche, dieses Mal nach Berlin, an den frischgebackenen Bundespräsidenten. Barton lud Horst Köhler in sein Geburtsdorf ein, von Berlin bis hierher sind es ja nur noch 880 Kilometer, viel weniger also als aus Washington, D.C.

„Die Antwort war sehr lakonisch“, erzählt der Bürgermeister über den Dankesbrief Köhlers. Er würde seinen Geburtsort besuchen, wenn es seine Amtspflichten zuließen, versprach der Präsident. Aber sie ließen es nicht zu. Nach der Wiederwahl Köhlers im Mai dieses Jahres haben die Einwohner Skierbieszóws erneut gratuliert und ihre Einladung erneuert. Doch eine Antwort aus Berlin ließ bis Ende vergangener Woche auf sich warten.

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