Bundespräsidentenwahl
Horst Köhler: Das Amt hat ihn wieder

Ja, die Wahl ist entschieden, das Amt hat ihn wieder: Mit 613 Stimmen hat der alte und neue Bundespräsident Horst Köhler exakt die Stimmen erhalten, die zur absoluten Mehrheit nötig waren. Bis auf eine Stimme hat er alle aus dem bürgerlichen Lager erhalten. Gesine Schwan kommt nur auf 503 Stimmen, zehn weniger als möglich waren.

BERLIN. Es sind die Blechbläser und Saaldiener, die an diesem Tag verkünden, dass Horst Köhler erneut zum Bundespräsidenten gewählt worden ist. Um 20 Minuten nach Zwei, die 1223 Wahlmänner und Wahlfrauen der Bundesversammlung warten bereits seit mehr als einer Stunde auf das Ergebnis des ersten Wahlgangs, marschieren fünf Musiker mit ihren Blechinstrumenten ein. Sie kämen nicht, wollten sie nicht gleich die Nationalhymne spielen - das Abschlussritual der alle fünf Jahre stattfindenden Wahl des Bundespräsidenten. Ein Raunen geht durch den Saal. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann kommt in die erste Reihe der Genossen, in der Kandidatin Gesine Schwan, Parteichef Franz Müntefering und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sitzen. Sie beugen sich übereinander, Müntefering verzieht das Gesicht. Ja, es ist wohl so: Schwan hat es nach 2004 wieder nicht geschafft, als SPD-Kandidatin Horst Köhler zu schlagen. Dann bringen die Saaldiener den Parteivorsitzenden auch noch Blumen in den Saal. Ja, die Wahl ist wohl entschieden.

Natürlich, es hätte auch Schwan sein können, die die Wahl gewinnt. Aber seit Tagen gibt es in Berlin nur noch eine Frage: Gewinnt Köhler im ersten oder doch erst im dritten Wahlgang? Steht das bürgerliche Lager von Union, FDP und Freien Wählern oder hat die Koalition aus SPD, Grünen in einem späteren Wahlgang mit Hilfe der Linken Schwan durchzusetzen und damit enormen Schub, im Wahljahr zu punkten?

Um Punkt zwölf schlägt der Gong im Plenum. Jürgen Trittin von den Grünen sitzt im Block der SPD. Der Fan der Großen Koalition, Peer Steinbrück (SPD), findet sich mit Parteifreund Wolfgang Thierse bei den Linken wieder. Noch wenige Minuten vorher hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zunächst mit Ulla Schmidt (SPD) und Ursula von der Leyen (CDU) geplauscht und danach dann mit Guido Westerwelle (FDP) und Horst Seehofer (CSU). Linksbündnis, Große Koalition, bürgerliche Mehrheit? An Tag der Bundespräsidentenwahl sind die Mehrheiten und Präferenzen zumindest im Plenarsaal nicht mehr so genau zu erkennen. Das Ergebnis soll Klarheit bringen für das Superwahljahr.

An diesem Tag, an dem am Brandenburger Tor die Deutschen auf einem Bürgerfest 60 Jahre Grundgesetz feiern, tritt die Bundesversammlung gemäß Artikel 54 Grundgesetz zusammen. Soweit das Technische. Horst Köhler, der Amtsinhaber, sitzt oben auf der Tribüne, Gesine Schwan, die Herausforderin, unten in der ersten Reihe der SPD neben Müntefering und Steinmeier. Die 612 blauen Sessel der Bundestagsabgeordneten hat die Bundestagsverwaltung weitgehend abgebaut und ersetzt durch 1224 schwarze Stühle für die Wahlleute.

Eine Stunde zuvor haben sich die Wahlmänner und- frauen auf der Fraktionsebene im dritten Stock des Reichstags getroffen. Zählappell heißt das Ritual, bei dem jede Fraktion noch einmal alle Wahlleute zusammentrommelt und jeden namentlich aufruft. Freitagabend gab es den ersten. Da fehlten noch einige. Heute fehlt nur noch ein Bundestagsabgeordneter - bei den Linken. Wolfgang Gercke hat vor einigen Tagen einen schweren Herzinfarkt erlitten. Keine gute Nachricht für Gesine Schwan, die ohne die Stimmen der Linken nicht neue Bundespräsidentin werden kann. Die Verfassung sieht vor, dass der Kandidat die absolute Mehrheit der Stimmen aller Mitglieder der Bundesversammlung benötigt - Fehlende einbezogen.

Vor dem Fraktionssaal der CDU gibt der neue Shootingstar der CSU, Karl-Theodor zu Guttenberg noch ein Interview. "Zuversicht habe ich", antwortet er dem Reporter der ARD. Köhler habe gestern eine großartige Rede gehalten und überhaupt seien die fünf Jahre mit ihm gut gewesen. In der Tat sind sie in der Union noch heute von der Rede begeistert, die Köhler zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes gehalten hatte. Vor allem, dass er eine ökologische Revolution in der Wirtschaft gefordert hatte, überzeugte - auch die Grünen, wie sie in der Union hoffen. Im Fraktionssaal der Union läutet die Sitzungsglocke. "Jetzt wird es ernst", sagt ein Wahlmann und verschwindet im Saal.

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