Bundespräsidentenwahl
Horst Köhler: Im Namen des Volkes

Als Reformer trat er an. Doch das Dicke-Bretter-Bohren hat Horst Köhler aufgegeben. Seit der Bundespräsident kritisiert, wofür er einst stand, verehren ihn die Deutschen. Am morgigen Samstag wird er wohl wiedergewählt.

MAGDEBURG. "Ich will wissen, wie es steht in unserem Land", sagt Horst Köhler und stapft durch eine Fertigungshalle in Magdeburg. Schweißer streifen grobe Handschuhe ab, klappen den Sichtschutz nach oben. Es folgt kräftiges Händedrücken für die Fernsehkameras im Schlepptau des Präsidenten. Arbeiter im Blaumann tauschen grobes Werkzeug gegen flache Handys, um rasch ein Foto zu machen. Die Anlagen, die sie herstellen, werden in Lettland, Thailand oder Chile zusammengeschraubt, um Kohle zu fördern, Schutt wegzuräumen, Schiffe zu beladen. Für Köhler ist es ein schöner Termin. Die Förderanlagen Magdeburg, kurz Fam, einst ein marodes DDR-Unternehmen, ist heute ein Vorzeigebetrieb, der auch in der Krise nicht laut klagt.

Wenig später sitzt Köhler vorgebeugt an der Stirnseite eines Tischs im Ausstellungsraum der Firma. Am anderen Ende sitzen ein paar Auszubildende, nur drei Meter weg und doch fern. Das Gespräch kommt schwer in Gang. Die Azubis wissen nicht so richtig, was sie sagen sollen. Und Köhler wirkt wie ein älterer Herr, der etwas zwanghaft das Gespräch mit der jüngeren Generation sucht. Ob die Menschen hier in Magdeburg Zukunftsangst haben, Sorge um ihre Arbeitsplätze, will er wissen.

"Was soll man immer jammern", sagt einer der Blaumänner, 25 Jahre alt. Der Kühlschrank sei voll, was wolle man denn mehr?

"Ich will wissen, wie es steht in unserem Land", sagt Köhler.

Wer wissen will, wie es um den Präsidenten steht, konnte sich Ende März in der Berliner Elisabethkirche ein Bild machen. Fast fünf Jahre hat Horst Köhler gebraucht, um seine erste wirklich beachtete große Rede zu halten. Roter, unverputzter Backstein, die Kulisse für Köhlers vierte "Berliner Rede". Ein Bundespräsident hat nicht unendlich viele Möglichkeiten, sein Land zu prägen. Politik wird im Bundestag gemacht, im Kanzleramt. Eine Berliner Rede ist eine Möglichkeit. Roman Herzogs Ruck-Rede begründete diese Tradition. Von Köhlers Berliner Reden blieb bislang nur die erste in Erinnerung und auch das eher wegen des Orts, an dem er sie gehalten hat: mitten im Berliner Problemkiez Neukölln.

Doch jetzt gibt es ein Thema, das die Menschen bewegt, denn es betrifft sie alle - die Krise. Es ist ein Thema, mit dem Köhler sich auskennt. Er war Chef der Osteuropabank und Direktor des Internationalen Währungsfonds, er hat die deutsche Einheit und den Maastricht-Vertrag verhandelt. Jetzt redet er darüber, welche Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen sind.

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