Bundestag
Haushalt ohne Hüter

Die Etatexperten im Bundestag gaben dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Geld der Bürger ihr Gesicht. Sie haben gewarnt, gemahnt, gehofft - heute kapitulieren sie.

BERLIN. Wo auch immer sie auftauchten im Berliner Regierungsviertel, sie hatten sich daran gewöhnt, dass man sie hofierte. Man wollte hören, was sie zu sagen hatten. Man nickte, wenn sie sprachen. Ihre Stimmen waren Stimmen der Vernunft. Deutschland sparte, baute seine Schulden ab zum Wohl der kommenden Generationen, die nicht mangelnde Disziplin von heute schon morgen mit Steuererhöhungen und Inflation bezahlen sollten. Und sie waren die großen Sparkommissare des Landes.

Der bullige Steffen Kampeter von der CDU und der stets sehr unaufgeregte Carsten Schneider von der SPD, die Haushaltsexperten der Großen Koalition. Sie sagten, Deutschland sei auf einem guten Weg. Sie gaben dem guten Gewissen, dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Steuergeld der Bürger ein Gesicht. Sie waren regelmäßig in Talkshows und den Nachrichten. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht eines ihrer Mantras in den Zeitungen stand. Die haushaltspolitischen Sprecher der Regierungsparteien hatten parlamentarische Macht. Sie konnten entscheiden, welche politischen Ideen der Regierung und der Parteien bezahlt wurden, sie zogen die Grenzen. Vorbei. Haushaltsexperte, Ausschussvorsitzender, gutes Gewissen? Auf einmal ist das unwichtig.

Otto Fricke sitzt im blütenweißen Hemd in seinem geräumigen Ausschussvorsitzenden-Büro unter gerahmten Fotos seiner drei Kinder. Fricke, 43 Jahre alt, ist Bundestagsabgeordneter der FDP und Vorsitzender des Haushaltsausschusses, des mächtigsten aller Ausschüsse des Bundestags. Er hätte zu seinen Themen auch jetzt eine Menge zu sagen. Doch plötzlich will es niemand mehr hören. "Wir Haushälter kommen doch in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie gar nicht mehr vor", sagt Fricke. Er versucht, es sportlich zu nehmen. Seinen Kollegen ergeht es ja nicht besser als ihm.

"Wir sind die Prätorianergarde des Bundesfinanzministers", trompetete Steffen Kampeter mit raumgreifender Stimme, wenn er wieder eines seiner Interviews gab. Er wusste Peer Steinbrück hinter sich, den SPD-Finanzminister, und Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CDU. Denn was er sagte, forderte und tat, diente einem hohen gemeinsamen Ziel: soliden Staatsfinanzen. Dann ging die US-Investmentbank Lehman pleite, die Finanzkrise eskalierte, Regierungen schnürten milliardenschwere Rettungspakete, und das Koordinatensystem von Haushaltspolitikern fiel krachend in sich zusammen. Was gestern viel Geld war, gilt plötzlich als wenig.

"Wenn ich heute in meiner Fraktion sage, diese 30 Millionen sollten wir besser sparen, dann rollen alle nur die Augen", sagt Carsten Schneider. Er sitzt bei Rührei mit Spinat im Café Einstein, der Bundestag ist gleich um die Ecke.

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