Bundestagsauflösung
Schwerer Abschied von Berlin

Das große Bücherregal ist bereits leer, die Wände sind kahl. Wehmütig blicken viele Abgeordnete auf ihre Karriere zurück, denn in den Bundestag werden sie es nicht noch einmal schaffen. Einzig der Kanzler gibt den Sorgenfreien. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB BERLIN. "Es ist schon ein historischer Tag", sagt Wilhelm Schmidt. Der Abgeordnete des Bundestags-Wahlkreises 49 darf so etwas sagen. Er ist seit 18 Jahren im Deutschen Bundestag, seit 1998 organisiert er die Arbeit der SPD-Bundestagsfraktion. Als erster parlamentarischer Geschäftsführer ist er so etwas wie der Manager des sozialdemokratischen Parlamentsalltags. Dieser Tag aber ist anders als die meisten anderen. In Schmidts freundlichem Blick steckt das Stück Traurigkeit, das viele hier mit sich herumtragen. Denn für viele, wie auch immer die Wahlen ausgehen werden, ist es definitiv der letzte Tag im Parlament. Schmidt ist einer von denen, die Abschied nehmen.

Noch ein Mal lächelt der nette Mann aus Salzgitter kurz, bevor er am Morgen um kurz vor neun ins Plenum strebt. Er schaut zurück, nickt und sagt: "Ein bisschen Wehmut." Ein historischer Tag, nicht nur für Wilhelm Schmidt. Hans Peter Repnik ist von der CDU, auch er war mal parlamentarischer Geschäftsführer, auch er trägt diesen Blick mit sich herum. Am Montag hat er sich Zeit genommen, Akten zu sichten.

Drei Stunden lang. Er habe sich vorgenommen, sein Büro ordentlich und pünktlich zu räumen. Irgendwie scheint der Mann vom Bodensee all die Jahre schon hinter sich zu haben, die Ära Kohl, die Wiedervereinigung, dann den Spendenskandal. Wehmut? "Ich habe 25 Jahre erfüllten Abgeordnetenlebens hinter mir", sagt er. Dann geht es auch für ihn hinein zum letzten großen Akt.

Gewirr, Geschrei, dann die plötzliche Ruhe

Von außen betrachtet, läuft im Reichstag und um ihn herum alles wie immer. Der Dienstag mit Fraktionssitzungen, Ausschüssen, mit Vorständen, Landesgruppen. Am Abend feiern die Bayern noch ein Mal Oktoberfest vor dem Roten Rathaus von Berlin, Riesenandrang bis spät in die Nacht. Der Mittwoch dann Plenum, draußen vor dem Parlament schon am Morgen die schwarzen Limousinen, streng aufgereiht nach Rang und Namen, drinnen aber das große Gewirr, Geschrei, dann die plötzliche Ruhe im Hohen Haus. Punkt neun wie gerufen der Präsident in Bart und schwarzem Anzug. Es folgt Gerhard Schröder.

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