ARD-Wahlarena
Merkel steuert schon lange nicht mehr selbst

Kanzlerin Merkel hat sich in der Wahlarena den Fragen einiger Bürger gestellt. Es ging um Leiharbeit, Gleichstellung und ums Autofahren. Eine nette Plauderstunde – denn richtig konkret wurde Merkel nur bei einer Frage.
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Mönchengladbache

Es ist eine Fliege, mit der Merkel versucht, das Publikum für sich zu gewinnen. Noch bevor die Übertragung der ARD-Wahlarena läuft, fuchtelt sie mit dem Arm vor ihrem Gesicht herum und begrüßt die Zuschauer mit den Worten: „Hier ist eine Fliege!” Die Kanzlerin weiß, dass es am Ende die Fußballvorlieben der Spitzenpolitiker oder die persönlichen Geschichten sind, an die sich die Wähler erinnern.

Und so gibt es am Montagabend in der Wahlarena im Kunstwerk in Mönchengladbach viele Plaudereien, aber wenig Aufklärung. Etwa Merkels Geständnis, dass sie nur noch auf Waldwegen Auto fährt, weil sie schon so lange nicht mehr am Steuer gesessen hat oder dass sie ihre Halskette aus dem TV-Duell nicht als Pfand für umgesetzte Wahlversprechen verschenken möchte.

Immerhin, bei einigen Fragen blieben die Zuschauer hartnäckig, Merkel erklärt des Öfteren: „Das schaue ich mir gerne nochmal an.” Seien es befristete Verträge in der Pflegebranche, Integrationskurse, eine Praktikumsarbeit eines Studenten über Werkverträge oder einem „krassen” Fall von Leiharbeit, wie Merkel selber dazu sagte. Es war die dritte Frage des Abends, von einem Leiharbeiter aus Leipzig. Seit zehn Jahren arbeitet der bei einer Tochter des Stahlriesen ThyssenKrupp. Die Firma produziert Automobilteile für Porsche und BMW.

„Ich habe nichts gegen Leiharbeit in Produktionsspitzen. Bei uns dauert diese Spitze aber schon ein Jahrzehnt. Die Stammbelegschaft besteht aus 30 bis 40 Mitarbeitern, dazu kommen 500 Leiharbeiter. Wie wollen Sie diesen Missbrauch beenden?”, fragt der Herr mit sächsischem Akzent. Hier spielt Merkel geschickt. Sie hört zu, kommt aus sich raus, hakt nach. Wie hoch der Lohnunterschied zur Stammbelegschaft denn sei, fragt sie. „Da wo ich arbeite, gibt es keine Stammbelegschaft, daher kann ich keinen Lohnunterschied nennen.” Merkel staunt und tritt ein Stück vom gläsernen Pult zurück, an dem sie sich bis dahin eisern festhält. „Ich halte das für einen sehr krassen Fall”, sagt sie. Dafür sei die Leiharbeit nicht gedacht.

Alles in allem geht es in der Arena aber eher zu wie bei einer kuscheligen Bürgersprechstunde. Das Wahlvolk stellt Fragen, Merkel antwortet. Im Mittelpunkt steht nicht der leidenschaftliche Austausch von Argumenten, Idealen oder Visionen. Das Meiste wird angesprochen, das Wenigste geklärt. Ihrer Wahlkampfstrategie bleibt Merkel auch in der Arena treu: abwarten und aussitzen, im Zweifel später nochmal anschauen.

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„Für mich ist das eine lebenswichtige Frage”

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  • Wenn man die Wahlarenen im Vergleich sieht (Steinbrück war ja gestern dran), dann hat man m. E. einen deutlichen Unterschied gesehen zwischen den beiden Kandidaten.

    Es wirkte auf den ersten Blick so, als ob Merkel die "schwierigeren" Fragen gestellt bekommen hat. Das sehe ich ganz anders. Sie hat nur einfach keine klaren Antworten gegeben. Deshalb hat sie sich schwer getan. Steinbrück hingegen hat ganz klare Ansagen gemacht, vor allem bezüglich Mindestlohn, Pflegebedarf etc. Dieses Rumgeeiere der CDU mit immer den gleichen Sprüchen ("Ich informiere mich mal darüber und sehe mir das dann an..........") sind in meinen Augen ein Beweis für die Gleichgültigkeit dieser Partei gegenüber Armut und antisoziale Marktwirtschaft, die unsere Gesellschaft nicht nur finanziell sondern auch moralisch in den Ruin stürzt.

    Gerne wird sich ja auch auf die gepriesene Umfrage bezogen, bei der angeblich 75% der Bevölkerung angegeben hätten, wirtschaftlich gut bis sehr gut gestellt zu sein. Mag ja sein. Aber wer ist in diesen 75% eigentlich inbegriffen? Ich kenne niemanden, der befragt wurde. Ich kenne nicht mal jemanden, der jemanden kennt, der befragt wurde. Kann jemand was anderes berichten? Wäre neugierig.

    Ich für meinen Teil werde die SPD wählen, weil ich nicht verstehe, warum man nicht einen anderen Weg versuchen sollte. Politik muss doch lebendig bleiben! Perfekt wird es nie sein, aber man sollte nicht steckenbleiben. Wie heißt es so schön: Fürchte dich nicht vor Veränderungen, fürchte dich vor dem Stillstand. Wer dem zustimmt, kann sein Kreuz nicht guten Gewissens bei der CDU machen.

  • Zum Adoptionsrecht:
    Zitat: Daraufhin bezieht Merkel erstmals deutlich Stellung. „Ich sage ganz ehrlich, mit der Gleichstellung tue ich mich schwer. Ich bin unsicher, was das Kindeswohl angeht.”

    Leider muss dieses "deutliche" Zitat mal etwas genauer beleuchtet werden. (Fuer Zweifler: Die komplette Sendung ist im Netz zu finden.)

    WAS WIRKLICH GESAGT WURDE - ein Auszug
    (Gedankenstriche stehen fuer Denkpausen; wo Merkel keinen Punkt setze, setze ich auch keinen):

    Herr Pronk:
    ...Ich würde gerne wissen, ob Sie für oder gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare sind.
    Und wenn Sie dagegen sind, warum.

    Merkel:
    Also es versteht sich, glaub ich, von selbst, dass ich erstmal gegen Diskriminierung bin.
    Ich weiss, dass in den Partnerschaften die gleichen Werte gelebt werden. Wir ham auch öhm jetzt ne g-ganze Reihe von Gleichstellungsanerkennungn. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der völligen Gleichstellung wir haben die Sukzessivadoption, das hat das Bundesverfassungsgericht jetzt ja für äh richtig erklärt und für rechtlich notwendig.
    Ich persönlich und ömm weiss, dass wir da nich übereinkommen ich hab schon mit vielen Menschen darüber gesprochen - werde jedenfalls nicht ömmm ein selber einn Gesetzentwurf einbringen für eine komplette Gleichstellung für die Adoption. Ich weiss, dass das für viele gleichgeschlechtliche Paare
    schwer ist. (Der Redefluss verlangsamt sich) Aber ich bin mir einfach da nich ganz sicher, ob wir nich
    versuchen sollten ömm doch öhmm - dann die Adoption
    hier nicht (wird wieder schneller) so gleichzustellen wie in Paaren von Männern und Frauen.

    Leider ist der komplette Dialog zu lang. Auf Nachhaken von Pronk wiederholt sich Merkel. Von DEUTLICH kann jedenfalls nicht die Rede sein.

    Und Herr Pronk hat nichts davon gesagt, dass er dann nicht die CDU waehlt. Woher stammt das?

  • Eine individuelle Lösung kann nur eine lineare Lösung sein??? Hä? Kommt das nicht auf die jeweilige Lösung an?

    Hohles Geschwätz, um ehrlch zu sein.

    Und von einem Kanzler wird nicht verlangt, dass er das Bauchweh der Katze löst. Von einem Kanzler wird jedoch sehr wohl verlangt, dass er oder sie das Land in grossen Stücken nicht nur auf dem Status Quo hält, sondern eben auch Verbesserungen anbringt. Soviel darf man von einem Kanzler erwarten.

    Somit liegen Sie auch in dieser Aussage verkehrt.

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