Bundestagswahl
„Ein Wahnsinn“

Während bei der FDP erste Tränen fließen und Anhänger geschockt nur noch das Weite suchen, hofft die AfD noch auf fünf Prozent. Und die Union ist sowieso schon trunken vor Glück. Drei Stimmungsberichte aus Berlin.
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BerlinEs ist kurz vor sieben Uhr am Abend, als drinnen im Saal wieder einmal Jubel ausbricht. Viel wurde in der vergangenen Stunde schon gejubelt, so viel, dass die Menschen hier in der CDU-Parteizentrale eigentlich längst müde gejubelt sein sollten. Doch diese „Ohs“ und „Ahs“ und „Heys“, die jetzt nach draußen schallen, sind besonders laut. Sie sind die Reaktion Hunderter CDU-Mitglieder auf eine schier unglaubliche Entwicklung: Die absolute Mehrheit scheint möglich.

Am Abend der Bundestagswahl gleicht das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin einer riesigen Party. Dass die Union die stärkste Partei werden würde, war vorher klar. Dass sie aber derart zulegen kann, auf mehr als 42 Prozent nach den jüngsten Hochrechnungen, hat viele hier dann doch überrascht. „Ein Wahnsinn“, sagt eine Delegierte. Das sei Angela Merkel zu verdanken.

Merkel, die Kanzlerin, die für die Union ein Wahlergebnis abgeräumt hat, wie man es nur noch aus Helmut Kohls oder Konrad Adenauers Zeiten kennt. Und zwar mit einem Wahlkampf, der ausschließlich auf sie zugeschnitten war. Um Inhalte ging es nie, es kam ja auf die Kanzlerin an. So viel Merkel ist die CDU nun, dass wohl nur noch eine leere Hülle übrig bleiben wird, wenn sie irgendwann einmal ihren Posten räumt.

Aber das ist an diesem Sonntag hier in der CDU-Zentrale erst einmal egal. „An-gie, An-gie“, rufen die Fans, als kurz nach sechs Uhr die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme laufen. An den Jubel-Intervallen der Gäste lässt sich auch schon ablesen, wie die Koalitionsbildung in den kommenden Tagen aussehen könnte – wenn es doch nicht zu einer absoluten Mehrheit reicht und ein Partner gefunden werden muss.

Als die Balkengrafik die SPD anzeigt, wird es kurz still. Leicht zugelegt, naja. Vielleicht der Partner für die Große Koalition? Jubel kommt dann wieder auf, als das Debakel der Grünen sichtbar wird. Schwarz-Grün war ohnehin schon länger keine Option mehr. Applaus gibt es auch, als sich andeutet, dass es die konservative, eurokritische AfD wohl nicht auf Anhieb in den Bundestag geschafft hat.

Ungläubiges Schweigen gibt es dann wieder, als im Fernsehen das desaströse FDP-Ergebnis zu sehen ist. Eine Sensation: Gut möglich, dass die Liberalen aus dem Bundestag fliegen. Schwarz-Gelb ist beendet – aber traurig darüber scheint hier niemand zu sein. „Die braucht kein Mensch“, sagt ein Delegierter. Auch Günther Oettinger, Ex-CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg und nun EU-Energiekommissar, reagiert mit Achselzucken auf die FDP. Deren Wahlkampf sei „profillos“ gewesen, sagt er zu Handelsblatt Online. Ansonsten ist Oettinger gut drauf. Das sonst so Nussknackerhafte ist an diesem Abend einem entspannten Lächeln gewichen. „Das ist mehr als wir erwarten konnten“, sagt er über das Ergebnis.

Entsprechend groß ist dann auch der Jubel, als das Gesicht dieses sensationellen Ergebnisses, als Merkel höchstselbst die Bühne betritt. „Das ist ein Super-Ergebnis“, ruft sie in den Saal, und dankt dann erst einmal, die Hände zur charakteristischen Raute geformt, allen Helfern und ihrem Mann. Es sei ein Wahlkampf gewesen, „bei dem jeder alles gegeben hat“. Noch sei es aber zu früh, um über Konsequenzen aus der Wahl zu ziehen. Das sei etwas „für die Gremien morgen“. Die FDP, ihren notleidenden Koalitionspartner, erwähnt Merkel mit keinem Wort.

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  • Eddi - Originalton "...dass Ihre Sekte verloren hat und ich hoffe (bescheiden wie ich nun einmal bin), dass ich einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte". Ich habe ja bisher zu keinem Ihrer vielen Beiträge Stellung genommen. Das mußte ich ja auch nicht, denn "Nicht-Aussagen" kann man ja auch nicht kommentieren. Was soll man dazu auch sagen. Insgeheim habe ich Sie immer Hydlotheus getauft, nach der Figur des Weltreisenden Raphael Hydlotheus (der, der Unsinn redet), der in Thomas Morus gleichnamiger Satire über "Utopia" (Nicht-Ort) berichtet. - Hoffentlich verstehen Sie den Humor auch, wäre sonst schade ums Papier. Aber dieses Mal muß ich Ihnen wirklich widersprechen: Durch den Mist, den Sie da über Monate geschrieben haben, sind ja die größten Zweifler an der AfD erst hellhörig geworden – ich danke Ihnen also im Namen der AfD. Sollten Sie allerdings gegen Honorar tätig geworden sein, wie hier Einige behaupten, dann bedauere ich Sie, denn Ihre Auftraggeber werden doch für so einen kontraproduktiven Käse nicht noch zahlen. Insgesamt halte ich Sie auch für ein nützliches Mitglied unserer Gemeinschaft, denn Sie haben ja der AfD zu einem sensationellen Erfolg verholfen (in der Geschichte dieser Republik hat noch keine Partei beim ersten Mal so ein Ergebnis erreicht) und wenn nicht, habe ich es schon immer mit dem Grundsatz gehalten: Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.
    Mit Dank und freundlichen Grüßen, auch von der AfD
    Klaus Peter Kraa

  • Für deutsche Verhältnisse ist das AfD- Ergebnis eine Sensation: Von der preußischen Verfassung von 1871 bis zum Grundgesetz 1949 gilt, dass die Deutschen nie ein Kuschel-Verhältnis zu einer basisdemokratischen Staatsform hatten. Die Deutschen waren und sind geprägte Preußen: Die Mentalität der Bürger war immer schon von den Maximen der abgelösten Ständegesellschaft geprägt und vom Prozess der Demokratisierung weitgehend unberührt geblieben, autoritären Normen wurde gern enthusiastisch Beifall gezollt, sich fügen fällt ihnen leichter als der Protest. Dies hat ihren Autoritäten die Auslösung zweier Weltkatastrophen von deutschem Boden aus leicht gemacht. Dies macht es ihnen auch leicht, sich in die total antidemokratischen Formen der EU-Bürokratie zu fügen - Mütterchen alternativlos von der Berliner Museumsinsel ist ihnen dafür Garant. Aber der große Erfolg der AfD ist ein deutliches Zeichen einer langsamen Umkehr und selbst wenn sie den Einzug ins Parlament jetzt nicht schafft, wird diese Stimme hoffentlich nicht mehr verklingen. Das ist unsere Hoffnung.
    Mit freundlichen Grüßen von der AfD - bleiben Sie dran;
    Klaus Peter Kraa

  • Selbstverständlich Eddie, die Erde ist nicht rund und die Sonne dreht sich um die Erde.
    Man muß schon verquer denken, um das Falsche zum Richtigen zu machen. Aber, wird schon oder auch nicht.

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