Die große Gängelei
Fürsorgender Staat oder Regelmonster?

Wo darf der Staat uns gängeln? Beim Tempo auf der Autobahn sind wir liberal, beim Dosenpfand autoritär. Über Reizthemen wie Flaschenpfand oder Tempolimit lässt sich trefflich streiten. Ein Pro und Contra.
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DüsseldorfStaatliche Regeln und Verbote polarisieren die Gesellschaft. Das war schon so, als die USA 1919 das Alkoholverbot einführten. Jede Zeit hat ihre besonderen Vorschläge. Heute bringt die Idee eines fleischlosen Tages in den Kantinen viele Deutsche auf die Palme.

Immer geht es dabei auch um die Abwägung verschiedener Werte. Von individueller Freiheit und Gesundheit, Umweltschutz oder wirtschaftlichen Erwägungen. Dabei können die Positionen stark differenzieren. Ein Pro und Contra der Handelsblatt-Redaktion zu den größten Reizthemen.

Tempolimit auf Autobahnen

Pro

Für die Amerikaner bedeutet Freiheit: Jeder darf eine Waffe besitzen. Diese Freiheit hat einen hohen Preis. Jedes Jahr sterben Tausende Amerikaner durch den Einsatz von Schusswaffen. Die meisten Deutschen können darüber nur den Kopf schütteln. Doch auch wir leisten uns eine absurde Freiheit, die anderswo keiner nachvollziehen kann: Auf deutschen Autobahnen darf jeder so schnell rasen wie er will.

Niemand kann genau beziffern, wie stark sich ein Tempolimit auf die Unfallstatistik auswirken würde. Klar ist aber: Die Gesetze der Natur lassen sich nicht aushebeln. Je schneller ein Auto fährt, desto schwerer lässt es sich für den Fahrer kontrollieren. Wer um jeden Preis Geschwindigkeit will,  neigt zudem eher zur Drängelei  oder setzt auch mal die Lichthupe ein. Nach Berechnungen des Verbands  Unfallforschung der Versicherer (UDV) ließen sich durch ein Tempolimit knapp 80 Getötete pro Jahr vermeiden.

Das wäre allemal Grund genug für ein Gesetz. Es ist aber längst nicht das einzige Argument. Auch aus Umweltgründen macht ein Tempolimit Sinn. Nach Schätzungen des Umweltbundesamtes ließen sich durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 120 Stundenkilometern fast drei Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr einsparen. Das wären zehn Prozent aller auf Autobahnen entstehenden Emissionen.

Nicht zuletzt würde ein Tempolimit dafür sorgen, dass die meisten Autofahrer schneller und nicht langsamer an ihr Ziel kommen. Was erst mal paradox klingt, hat einen einfachen Grund. Wenn jeder so schnell fährt, wie er will, kommt es zwangsläufig zu starken Geschwindigkeitsunterschieden. Diese wiederrum führen dazu, dass viele Autofahrer auf den Mittelstreifen ausweichen müssen, wo sich der Verkehr ballt. Das Ergebnis sind Staus.

Die Argumente für ein Tempolimit sind so gewichtig, dass fast alle Länder auf der Welt es eingeführt haben. Nur Deutschland bleibt die Ausnahme. Das sollten wir ändern!

Jan Mallien

Contra

Das generelle Tempolimit kommt Politikern in Wahlkampfzeiten regelmäßig sehr gelegen. Die Argumente liegen fertig auf dem Tisch, der Nutzen längst bewiesen. Oder? Es ist eines dieser typischen Leuchtturm-Projekte, die sich Politiker auf die Fahnen schreiben wollen. Seht her, ich kämpfe für die Umwelt und für Sicherheit auf deutschen Straßen!

Wirft man aber einen Blick auf den Verkehr, der tagtäglich über unsere Straßen rollt, sieht das Bild anders aus. Eine Geschwindigkeitsbeschränkung löst die andere ab, Abschnitte ohne Tempolimit sind selten. Es geht hier nur um einen Bruchteil des deutschen Straßennetzes, auf dem statistisch gesehen nicht einmal bedeutend mehr Unfälle passieren als auf Straßen mit Tempolimit.

Besonders schwere Unfälle passieren auf schlecht gesicherten Landstraßen, wo oft keine Leitplanken die Autos vor Bäumen oder ähnlichem schützen. Besonders viele Unfälle passieren in der Stadt, kleine Kollisionen beim Parken oder Abbiegen. Wo also ist das besondere Risiko auf Autobahnen?

Was Politiker auch gerne vergessen: Die Entwicklung bei den Autos ist weitergegangen. 150 oder 160 Stundenkilometer sind in einem modernen Wagen – wir reden hier von einem Golf, keiner Luxuslimousine – ein angenehmes und vertretbares Reisetempo. 100 oder 120 Stundenkilometer sind reine Schikane.

Das wahre Problem liegt nicht an den großen Geschwindigkeitsunterschieden, sondern im mangelnden Respekt vieler Fahrer vor anderen Verkehrsteilnehmern – hier rede ich nicht nur von Autofahrern, sondern auch Lkw-, Motorrad- und Radfahrern. Etwas mehr Rücksicht auf den anderen entschärft viele Situationen. Auf der Autobahn, aber auch in der Stadt.

Sebastian Schaal

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Flaschenpfand

Kommentare zu " Die große Gängelei: Fürsorgender Staat oder Regelmonster?"

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  • Unser Staat ist doch ganz ok und mit der DDR Führung wohl kaum zu vergleichen! Einiges geht zu weit und manche Dinge hätten schon längst angepackt werden müssen. Aber im Groben und Ganzen kann sich doch niemand hier beschweren. Wer sich ein wenig darauf einstellen kann, dass wir im 21. Jahrhundert leben, sollte mit unserer Demokratie klar kommen! Wenn nicht, empfehle ich einen Urlaub oder längeren Aufenthalt in einem Land ohne solch hohe Lebensqualität!

  • absolut kein fuersorgender staat aber ein regelmonster und ein sklavenhalter in einer so perfiden form,dass man die sklaven des altertums als freie buerger ansehen muss.die durften wenigstens unkontrolliert scheissen gehen.

  • @Auslaender
    Bingo! Großer Beitrag!
    Vielleicht gibt es wenigstens EINE im Bundeskanzlerinneninnenamt, die das hier mitliest!
    Auch wenn"s "Neuland" ist...!?

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