DIW-Forscher schlagen Alarm

Deutschlands gespaltene Demokratie

Stellen Sie sich vor, es gibt eine Demokratie und kaum jemanden interessiert es. Dieser Umstand trifft auf Deutschland zu. Abgehängte der Gesellschaft wenden sich zunehmend ab, warnt eine DIW-Studie.
Update: 16.10.2013 - 11:24 Uhr 81 Kommentare
Demokratie? Na und! Vor allem einkommensschwache und bildungsferne Teile der Bevölkerung verabschieden sich zunehmend aus der aktiven Teilhabe an Demokratie. Quelle: dpa

Demokratie? Na und! Vor allem einkommensschwache und bildungsferne Teile der Bevölkerung verabschieden sich zunehmend aus der aktiven Teilhabe an Demokratie.

(Foto: dpa)

BerlinDer Trend einer sozial gespaltenen Demokratie in Deutschland verschärft sich. Das ist das Ergebnis einer Handelsblatt Online vorliegende Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Demokratische Teilhabe sei zwar generell in Demokratien nicht gleich verteilt und falle oftmals besonders gering bei Menschen aus, die sich in einer prekären wirtschaftlichen Situation befinden, schreiben die Experten in der Untersuchung auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).

Allerdings zeigten die Analysen für Deutschland, „dass in den vergangenen dreißig Jahren keineswegs von einem Rückgang der ungleichen politischen Beteiligung die Rede sein kann und der Grad der politischen Ungleichheit in Deutschland sogar höher ausfällt als in vielen vergleichbaren europäischen Demokratien“.

Insbesondere im Vergleich zu seinen direkten Nachbarländern wie Frankreich, Österreich, Dänemark und den Niederlanden zeichne sich Deutschland durch eine „vergleichsweise hohe Ungleichheit“ der politischen Teilhabe aus. „So liegt die Beteiligungsquote für die Mitarbeit in Parteien und politischen Organisationen bei erwerbstätigen Personen in Deutschland um 91 Prozent über der der Arbeitslosen“, konstatieren die Experten und fügen hinzu: Nur in einigen Ländern Ost- und Mitteleuropas wie der Slowakei und Polen sei dieser Unterschied „noch wesentlich ausgeprägter“.

Für ihre Studie hatten die Forscher neben Angaben aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) auch Daten des European Social Survey (ESS) ausgewertet. Für den ESS wurden in insgesamt 34 europäischen Ländern zwischen 2002 und 2010 alle zwei Jahre jeweils zwischen 1.000 und 3.000 Menschen in den einzelnen Ländern befragt.

Mit ihrer Studie stellen die Autoren die weit verbreitete Annahme in Frage, dass eine prekäre Wirtschaftslage sich direkt auf die politische Teilhabe auswirkt: „Weder der Verlust des Arbeitsplatzes noch ein Einkommensrückgang führen dazu, dass Menschen ihr politisches Engagement einschränken“, sagt der Politikwissenschaftler Martin Kroh, einer der Autoren der Studie. „Viel mehr prägt die soziale Herkunft den Grad der politischen Teilhabe in Deutschland.“
Die Forscher sehen angesichts der Befunde die Politik in der Pflicht gegenzusteuern. Da das geringere Niveau der politischen Teilhabe „im Durchschnitt bereits vor der Arbeitslosigkeitserfahrung beziehungsweise dem Einkommensverlust zu beobachten war und im Fall des Interesses für Politik nachhaltig durch die soziale Herkunft bestimmt wird, sind vor allem Maßnahmen, die auf die Reduzierung von ungleichen Startchancen in der Bevölkerung abzielen, zur Reduzierung der ungleichen politischen Teilhabe besonders geeignet“, schreiben die Experten.

Auswirkungen auf Wahlbeteiligung
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81 Kommentare zu "DIW-Forscher schlagen Alarm: Deutschlands gespaltene Demokratie"

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  • Janine77 schreibt nochmals den Text, dass man es besser begreifen kann. Ich wurde abgeführt, ja abgeführt, durch einen CDU-Stadtrat und Polizei, weil meine Meinung nicht zu seinem Thema passte. Alles dies in einer Gemeinde mit 21ts.Einwohnern und vielen anwesenden (ca.500) Gutmenschen. Und alle anwesenden Lokalmedien schauten weg!! Hatten wir da nicht schon einmal ein Staatengebilde gegen welches das Volk aufstand und ganz gewisse Worte jeden Montag den Oberen zuschrie ???

  • Hier in meiner Stadt in 61184 Karben, wurde ich am 13. Juni.d.J., durch einen Stadtrat und Polizei abgeführt,
    weil ich in einer öffentlichen Veranstaltung nach Art.5 GG, meine Meinung sagen wollte. Dieses verfassungswidrige Verhalten von Stadtoberen, war es nicht ein Wort in Medien Wert erwähnt zu werden.

  • "Demokratie? Na und! Vor allem einkommensschwache und bildungsferne.."

    "Abgehängte der Gesellschaft wenden sich zunehmend ab.."


    Ein billiger, abstoßender Versuch, die Situation in unserem LAND herunterzuspielen !

    Es ist schlimmer als ich dachte, der LOBBYISMUS in D !

    Fragwürdige, durchsichtige "STUDIE" !!!


  • Sie scheinen ein wichtiger Mensch zu sein, da Sie soviel Erfahrung mit Korruption machen. Mich hat noch keiner bestochen - und ich musste auch noch niemanden bestechen.

    Apropos Volksentscheid: Ich lese recht regelmäßig auch die Leserbeiträge und komme deswegen zunehmend zu der Einsicht, dass wir für Volksentscheide eher nicht reif genug wären.

  • Widerspruch !
    Der Artikel versucht, Nichtwähler als ungebildete Loser darzustellen.
    Ich habe genug Bildung genossen. Ich wende mein Wissen an. Meine Entscheidung, an der Bundestagswahl 2013 nicht teilzunehmen, traf ich aufgrund der Erkenntnis, dass diese Art von Demokratiebetrug unweigerlich wieder in eine Katastrophe der dt. Geschichte führt. Die Radikalität vieler Beiträge hier ist bester Beleg.
    Die Bonzen fühlen sich in ihrer Parteiendiktatur sicher und glauben, mit den Medien die Massen kotrollieren zu können- einen Fehler, den schon viele Machtinhaber begangen haben.
    Ein Tipp von mir: Frust einfach in den verursachenden Behörden ablassen- eine Form der Basisdemokratie in Deutschland 2013...

  • Klare, wahre Worte, die den Istzustand treffend beschreiben ...

  • @george.orwell
    „ich sehe es so: Die absurde, größtenteils künstliche Komplexität der Gesellschaft ist der Urwald, in dem die kriminellen Elemente, die leider nicht unten sondern überwiegend oben zu suchen sind, ihren dreckigen Geschäften nachgehen können.
    Bestes Beispiel: Das Finanzsystem. Man schaffe 25 Gesellschaften in verschiedenen Ländern unter Einbezug der offshore-Oasen und Steuerhinterziehung wird zum Kinderspiel.“

    Zunächst ist die Komplexität real, weil wir sie allein durch unsere ständigen (z.B. technische) Weiterentwicklungen in immer kürzeren Zeitabständen entstehen lassen. Um damit zurecht zukommen, hat man zunächst „Schubladen“ zu einzelnen Themenbereichen geschaffen um Ordnung halten zu können. Dann kamen immer mehr Unterthemen,- also auch immer mehr „Schubladen“. Dann brauchte man Spezialisten für die einzelnen Themenbereiche.
    Ein großer Unsinn ist aber, das man nun auch noch glaubte, für (fast) jeden einzelnen Themenbereich auch noch spezielle Gesetze und Gesetzgebungen in Gang setzen zu müssen…aber:

    Es ist alles Eins! (Albert Einstein) Es ist alles Physik. Rund hundert Jahre nach der Relativitätstheorie gehört diese immer noch nicht zur Allgemeinbildung! Mandelbrot hat in den 80er Jahren mit seiner „fraktalen Geometrie der Natur“ – die Thematik ist halbwegs bekannt unter den Begriff „Chaosforschung“ unbewusst und ungewollt die Relativitätstheorie nochmals interpretiert. Wer diese Grundsätze wirklich einmal begriffen hat, begreift auch die Welt um sich herum,- oder zumindest um ein vielfaches besser.

    Wir haben „Pseudowissenschaften“ wie z.B Ökonomie. Ökonomie ist keine Wissenschaft, weil es keine wirklichen ökonomischen Gesetze gibt- sie sind letztlich nur immer relativ und basieren auf vorhandenen, mehr oder weniger zufälligen Situationen. Es gibt Naturgesetze die sich durch entsprechende Versuchsanordnungen immer und immer wieder aufs Neue Beweisen lassen. Die Ökonomie kann nichts beweisen- zu keiner Zeit wird es deutlicher, als gerade jetzt!

  • @hafnersp
    Ich teile Ihre Einschätzung vollumfänglich.
    Meinungsfreiheit besteht schon lange nicht mehr. Meinungen, die von den propagierten öffentlichen abweichen, werden doch seit längerem nur noch leise und in privatem Rahmen ausgetauscht! Wir bewegen uns in erschreckender Geschwindigkeit auf die DDR 2.0 zu.

  • Das ist nicht die Geste der Unterwerfung, sondern die Phase der Begleitung. Am Beispiel DDR wird das mehr als deutlich. In den Achtzigern ist das Fass allmählich übergelaufen, die Realität ließ sich nicht mehr durch Schönfärberei in den Medien, Klassenkampf, Friedensparolen und gute Worte überdecken. Das Westfernsehen tat sein Übriges und hat die Stimmung nur noch angeheizt. Mit meiner Generation war dann auch eine Jugend herangewachsen, die das nicht mehr mitmachen wollte und aufbegehrte . . .
    Wir befinden uns jetzt in der Phase der Begleitung. Die bestehenden Strukturen werden zunehmend ernsthaft hinterfragt. Das ist, wenn Sie so wollen, die Vorstufe für Veränderungen.

  • george.orwell
    ich gebe Ihnen Recht.
    Aber die Presse, die Journalisten sind mehrheitlich grün-links, wie eine Studie der Uni Leipzig belegte vor kurzem
    Warum diese linken Journalisten nicht begreifen, dass dies falsch ist, dass sie eigentlich neutral sein sollten, erschließt sich mir nicht. Die Presse ist mit Schuld und vor allem unsere System-Medien, das sogg. öffentlich-rechtliche TV, wenn es hier kippt und wir tatsächlich ein "4. Reich" einen neuen "Führer" bekommen
    Das fängt an, dass bis heute keinerlei DDR-Geschichte aufgearbeitet wurde. Wie kann es sein, dass niemand mal nachfragt nach dem Vorleben von Merkel und auch Gauck? Also investigativen Journalismus betreibt?

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