Experte zum Kanzlerduell
Nur ein Merkel-Aussetzer kann Steinbrück noch helfen

Das TV-Duell ist Steinbrücks letzte Chance gegen Merkel Boden gut zu machen. Doch ausgerechnet das Format der Sendung macht die Sache für ihn zu einem aussichtslosen Unterfangen.
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BerlinEs könnte der wichtigste Sonntagabend im politischen Leben von Peer Steinbrück werden. Bei einem Rückstand von fast 30 Prozent in den persönlichen Umfragewerten hinter Angela Merkel muss der SPD-Kanzlerkandidat beim TV-Duell mit der Kanzlerin am Sonntagabend eine gute Figur machen, wenn er die Chance auf einen Machtwechsel erhalten will. Angesichts dieser Ausgangslage gilt das gleich von vier TV-Sendern übertragene Streitgespräch als eigentlicher Höhepunkt des Wahlkampfes. 2009 sahen immerhin 14 Millionen Zuschauer das TV-Scharmützel zwischen Merkel und ihrem damaligen Herausforderer Frank-Walter Steinmeier.

Steinbrück dürfte das rege Zuschauerinteresse aber nicht viel nützen. Es ist vor allem das Format des Duells, das dem SPD-Frontmann Chancen verbaut. Der Politikwissenschaftler Michael Kolkmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hält daher das TV-Duell in seiner jetzigen Form für überholt. "Das Duell wird von so rigide festgelegten Regeln beherrscht, dass es sehr schwer sein wird, davon längerfristiger zu profitieren. Da müsste es schon zu einem Aussetzer oder einer Panne eines der Kandidaten kommen, um mit Blick auf die Wahl einen entsprechenden Einfluss auszuüben", sagte Kolkmann Handelsblatt Online.

Spannender wäre das Duell sicherlich, wenn die Kandidaten sich gegenseitig oder Zuschauer die Kandidaten befragen dürften, sagte Kolkmann weiter. Auch verhindere die Zahl von vier Moderatoren eine kontroverse Veranstaltung. "Hier müsste es im nächsten Wahlkampf sinnvollerweise zu einer Reform kommen."

Wie bei früheren Wahlen spielt auch diesmal das Regierungslager die Bedeutung der TV-Debatte eher herunter, während die Opposition im Gegenzug besonders hohe Erwartungen in den Auftritt legt. "Wir sehen das TV-Duell als einen sehr wichtigen Punkt, weil da Nordrhein-Westfalen aus den Ferien kommt", meint dagegen SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Für die Mobilisierung sei das Ferienende im bevölkerungsreichsten Bundesland an diesem Wochenende eine Wegmarke. "Da ist das TV-Duell ein ganz zentraler Punkt, um richtig in die Schlusskurve zu kommen."

Ein Blick auf die Dramaturgie des Unions-Wahlkampfes zeigt dagegen, dass das Ereignis nur eine untergeordnete Rolle spielt oder spielen soll. Die heiße Phase beginnt die Union demonstrativ erst am darauf folgenden Wochenende in Düsseldorf. Merkel hatte zudem darauf beharrt, Steinbrück nur einmal gegenüber zu sitzen - und das auch noch im relativ sicheren zeitlichen Abstand von drei Wochen zur Wahl. Jeder mögliche positive Effekt für den Herausforderer soll wieder vergessen und von vielen anderen Wahlkampf-Eindrücken überlagert sein, wenn die Wähler am 22. September abstimmen. "Es mangelt nicht an Gelegenheit, sich über Persönlichkeiten und Programme ein Urteil zu bilden", sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe zu Reuters.

Einig sind sich die Experten, dass es in der Sendung nicht unbedingt darauf ankommt, was gesagt wird, sondern auch wie es ankommt. Peer Steinbrück dürfte dabei nach landläufiger Einschätzung die Favoritenrolle zukommen: In der Öffentlichkeit gilt er als schlagfertiger und gewitzter als Merkel. Wer Merkel aus kleineren Runden kennt, weiß zumindest, dass auch die CDU-Chefin mit Humor und Witz zu punkten versteht. Aber es ist unklar, ob dies neben Steinbrück wirkt, der am Sonntag übrigens die erste Frage erhält.

Dessen Stärke gilt aber zugleich als sein größtes Risiko - was an den Nerven der SPD-Strategen nagt, die allesamt die desaströsen Ausfälle Gerhard Schröders gegen Merkel am Wahlabend im Jahr 2005 im Hinterkopf haben. Damals war die CDU-Chefin zu konsterniert, um zu antworten. Aber genau ihr Schweigen sicherte wohl ihre Karriere und Kanzlerschaft. Heute hat Merkel diese abwartende Haltung längst zu einem Element ihres Regierungsstils entwickelt - darf aber neben einem energischen Herausforderer auch nicht als passiv erscheinen. Zu aggressive Angriffe auf sie lösen jedoch erfahrungsgemäß eher einen Solidarisierungseffekt aus. Ein Warnsignal für Steinbrück ist, dass laut ZDF-Politbarometer mehr Befragte damit rechnen, dass Merkel im TV-Duell besser abschneiden wird.

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Kommentare zu " Experte zum Kanzlerduell: Nur ein Merkel-Aussetzer kann Steinbrück noch helfen"

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  • Die "Aussetzer" haben unsere Politiker tagtäglich!!!

    Weiß gar nicht, wer wem überhaupt helfen möchte!!!

    Was für Diskussionen!?

  • Also mir fehlt ein Kanzlerduell zwischen allen Kanzlerkandidaten aller Parteien zumindestenz der Grünen,FDP,CDU/CSU,SPD,Linke, Piraten undsw. Den so ein Duell ist in meinen Augen ein Abglatsch des Amerikanischen Präsidentenduell(obama-gegen-romney). Nur Publicity spielt hir eine Rolle nicht mehr Intelligence.

  • Es ist eben die einzige "Berufs"- Gruppe, die keinerlei Qualifikationsnachweis erbringen muß und trotzdem selbst über ihr Einkommen bestimmen kann... ):

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