Gabriel vs. Slomka
„Zwei Selbstdarsteller rasen im ICE-Tempo aufeinander zu“

Das Wortgefecht von Sigmar Gabriel und Marietta Slomka sorgt für Diskussionen: Kommunikationsprofis loben das Interview, vor allem der SPD-Chef erntet Kritik. Doch ausgerechnet Unionspolitiker springen Gabriel zur Seite.
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DüsseldorfDer Schlagabtausch dauert schon 5:20 Minuten, da zieht SPD-Chef Sigmar Gabriel die Notbremse: „Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden“, schlägt er Marietta Slomka vor, die ihn für das „heute journal“ interviewt. Doch zu diesem Zeitpunkt sind die Disputanten schon zu heiß gelaufen, um das Gespräch noch zu einem vernünftigen Ende führen zu können. So mündet Gabriels Versuch einer Annäherung („Es wird ja nicht besser, wenn wir uns so behandeln“) in einen persönlichen Angriff auf Fragestellerin Slomka: „Es ist ja nicht das erste Mal, dass Sie in Interviews mit Sozialdemokraten versuchen, ihnen das Wort im Mund rumzudrehen.“

Für den Kommunikationsberater Christian Frommert war zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu retten: Beide hätten das Interview gegen die Wand gefahren, „weil da zwei Selbstdarsteller im ICE-Tempo aufeinander zugerast sind“, schreibt Frommert auf seiner Facebookseite. „Keiner wollte sich zurücknehmen, die beiden haben eine Art Wettstreit ausgetragen.“ Frommert – ehemals Telekom-Sprecher und künftig Mediendirektor der TSG Hoffenheim – empfiehlt das Interview für jede journalistische Schulung.

Frommert ist der Meinung, es wäre die Aufgabe der Moderatorin gewesen, für mehr Gelassenheit zu sorgen. Für Gabriel stehe derzeit viel auf dem Spiel. „Ich denke, ein guter Interviewer hätte mal die Luft rausgenommen“, schreibt er. „Aber Frau Slomka war angefasst und hat sich zum Mitmachen hinreißen lassen.“

Gabriel scheint nervlich angeschlagen – diesen Schluss zieht Politik-Berater Michael Spreng, der 2002 als Wahlkampfleiter Edmund Stoiber beinahe den Weg ins Kanzleramt ermöglicht hätte. „Er war dünnhäutig und hat gleich mit seiner ersten Antwort den Ton vorgegeben. Seine Nerven scheinen ziemlich blank zu liegen“, sagt Spreng. Dazu passten auch die Bemerkungen „Quatsch“, „Blödsinn“ und „Wort im Mund herumdrehen“. „Frau Slomka hat konsequent und hartnäckig nachgehakt, hätte aber das Gespräch früher beenden oder auf andere Fragen umsteigen müssen. So war es am Ende inhaltlich wenig ergiebig.“

Der Mediendienst Meedia.de fordert dagegen: „Frau Slomka, bitte machen Sie so weiter!“ In seinem Kommentar schreibt Stefan Winterbauer: „Slomka hat den Ruf, ihre Gesprächspartner hart anzupacken. Gut so! Das sollten viel mehr Journalisten tun. Nun traf sie auf einen bis an die Grenze der Arroganz mit Selbstgefälligkeit aufgeladenen Sigmar Gabriel. Das Ergebnis war ein selten harter Schlagabtausch, bei dem die Moderatorin am Ende zu Unrecht schlechter aussah als der Politiker.“

Kommentare zu " Gabriel vs. Slomka: „Zwei Selbstdarsteller rasen im ICE-Tempo aufeinander zu“"

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  • Die Vorstellung Slomka vs. Gabriel war wohl für beide recht unrühmlich und ein Ausrutscher. Die Welt wartet auf so etwas, Infotainment erster Güte. Tatsächlich war die Debatte wohl ein zufälliges, nicht geplantes Ergebnis der Sendung. Tatsächlich geraten zwei hochprofessionelle öffentliche Personen aneinander und reagieren, nun ja, menschlich und eben nicht professionell. Die politische Diskussion ist gerechtfertigt, aber in der Debatte ging es am Ende nicht um die Sache, sondern hier haben sich zwei emotional hochgeschaukelt. Hier gewinnt das ZDF auf ganzer Linie - zumindest was Publicity angeht.
    In Medientrainings lernt man immer als erstes: Die Medienvertreter können alles Fragen. Aber die Interviewten haben auch Rechte und in den Medientrainings lernt man, wie man mit unterschiedlichsten Interviewtechniken umgeht. U.a. auch mit Fragen mit denen man überhaupt nicht rechnet. Hier ist dem Herrn Gabriel offensichtlich der Gaul durchgegangen.
    Vor einem Millionenpublikum wird es immer viel Menschen geben, die sich mehr für die emotionale Komponente ("Entgleisungen") interessieren, als um die Ratio (das Politikum).
    Mein Fazit:
    Herr Gabriel: Die Diskussion ist kein quatsch!
    Frau Slomka: Sie haben die Kurve nicht hinbekommen. Das Thema ist eher etwas für ein Format wie Maybrit Illner als für ein ZDF-heute-journal. Das haben Sie sich nach der Sendung bestimmt auch gedacht.

  • Danke Frau Slomka,
    endlich wird bei klaren Fragen nachgefragt wenn diese nicht beantwortet wird. Das ZDF mit Frau Slomka ist auf jeden Fall politisch Neutraler. Das kennt die SPD oft nicht so, da in vielen Medien der Parteianteil der SPD über 60% geht. Da wird natürlich nur nach Genossenansicht berichtet und es gibt wirklich keine Neutrale Nachrichten.
    Wie ist das denn beim WDR, müssen da Mitarbeiter nicht sogar SPD Mitglieder sein um weiter zu kommen?
    Der hohe SPD Anteil in vielen großen Zeitungen und Medien ist meiner Meinung nach schon sehr fragwürdig.

  • GroFaZ oder GroKo - am Ende wird das Deutsche Volk erlöst werden. :-)

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