Hans-Christian Ströbele
Noch ein Mal in den Bundestag

Er hat noch nicht genug: Hans-Christian Ströbele will wieder in den Bundestag einziehen – durch ein Direktmandat. Der 74-jährige Grüne hat gute Chancen. Auch, weil er immer mehr zur Kultfigur wird.
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BerlinHans-Christian Ströbele wird gerne mal geklaut. Da hängt er dann in WG-Küchen und Alt-Hippie-Wohnzimmern an der Wand – als knallbuntes Wuselbild in Comic-Optik. „Ich glaube nicht, dass das mit Wahlplakaten anderer passiert“, sagt der Ur-Grüne amüsiert. Seine Poster sind anders: gezeichnet statt fotografiert, voller Typen, Themen, Seitenhieben. Auf dem neuesten präsentiert sich der 74-Jährige mit wehendem roten Schal und hochgekrempelten Hemdsärmeln als einer, der zupackt. „Schreibt mich nicht ab“, schreit es.

Denn Hans-Christian Ströbele will nochmal. In den Bundestag mit 74 und kurz nach einer Krebserkrankung, die Kraft gekostet hat. „Ich fühle mich wieder fit“, sagt der 68er. Zwischendurch gab es Zweifler. Doch im Bundestag scheinen seine politischen Ziele jetzt erreichbar: Vermögenssteuer, Ende des Afghanistan-Krieges, Konsequenzen aus dem NSU-Skandal. „Ich will nicht nur von außen zusehen, sondern mitmischen“, sagt der hagere Grauhaarige mit seinen auffallenden buschigen Augenbrauen.

Immer links und immer streitbar, so kann man Ströbele beschreiben. Ein Fan von Tolerierungen statt Koalitionen, weil man sich da urdemokratisch seine Mehrheiten suchen muss. Ströbele gehe nie den einfacheren Weg und brenne für seine Überzeugung, sagt Grünen-Chefin Claudia Roth. „Es ist nicht immer leicht mit ihm, vor allem wenn man mal anderer Meinung ist.“ Den Geheimdiensten aber wünsche sie nichts mehr, „als dass ihnen Hans-Christian weiter auf die Finger sieht“.

Der Ex-SPD-Mann, frühere RAF-Anwalt, „taz“- und Alternative- Liste-Mitbegründer wurde mit 46 Jahren in den Bundestag gewählt. Doch die echte Geschichte beginnt erst 2002, als die Grünen ihm einen sicheren Listenplatz verweigern. Dem Alt-Linken gelingt die Sensation: Im Berliner Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg gewinnt er als bundesweit einziger Grünen-Kandidat einen Wahlkreis direkt.

Das hat Ströbele jetzt dreimal geschafft. Zeit, Jüngeren Platz zu machen? „Ein Direktmandat, gerade für die Grünen, kann man nicht einfach weitergeben“, sagt er. Im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost fühlt er sich wohl, nicht nur in der Szene. „Das Besondere ist das tolle persönliche Engagement so vieler Menschen, die sich einmischen und die Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen“, sagt er. Zuweilen könne das auch recht anstrengend sein.

Im Wahlkampf steht Ströbele jetzt mit lila Fahrrad („zweimal geklaut, zweimal wiedergekommen“) auf Straßenfesten, am Ufer, auf dem Markt. Bei Demos in der ersten Reihe, die Haare immer etwas wild. „Die Wahlkampfzeit ist eine Zeit der Offenheit der Bevölkerung für politische Diskussionen“, ist er überzeugt. Der „Cicero“ bezeichnete ihn als „König von Kreuzberg“. Im Kiez wird er gegrüßt, Menschen klopfen ihm auf die Schulter als wäre er einer der ihren. Doch das Telefonbuch verrät: Eigentlich wohnt Ströbele weit weg, im Stadtteil Moabit.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Hans-Christian Ströbele: Noch ein Mal in den Bundestag"

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  • Das dürfte die Grünen ziemlich ärgern, sie wären ihne gerne los.
    Man muß ihn nicht mögen, aber ich hbe Respekt vor ihm, denn er bleibt sich treu und ändern seine Meinung nicht jeden Tag


  • Eine überzeugende "Gallionsfigur moralische Werte" in einer verkommenen Parteienlandschaft/Gesellschaft.

  • Als bekennder RAF Anwalt, also das damalige Gegenstück von
    den heutigen beschimpften Zschäpe Anwälten ist Ströbele sich treu geblieben. Das hebt ihm von den Grünen Wendehälsen Roth ,Göring-E,Trittin, Özdemir etc weit ab. Das er die Vorteile
    eines Politikers liebt, ist wohl unbestritten und diesen einzigen Luxus will er noch nicht aufgeben. Fast wie ein Grüner Wehner. Während andere Grüne heute Kapitalisten sind und ein Machtsüchtiges Krankheitsbild zeigen, bleibt sich Ströbele treu, auch wenn er einige Positionen in seinem Alter mal ernshaft überdenken sollte. Gefährlich
    ist er nicht mehr, da seine Parteikamaraden ihn schon längst abgeschrieben haben,trotz aller schönen Worte.

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