Reformen gefordert
Was sich Top-Ökonomen von der Wahl versprechen

Deutschlands Top-Ökonomen sind sich in einem Punkt einig: Wer immer die nächste Bundesregierung stellen wird, muss wichtige Reformen durchziehen. Aber was muss getan werden, um Deutschland für die Zukunft fit zu machen?
  • 23

BerlinSpitzenökonomen der großen Forschungsinstitute ZEW, IW Köln, IfW und IMK sowie von der Hertie School of Governance beschreiben, welche wirtschaftlichen Veränderungen sie von der künftigen Regierung unbedingt sehen wollen:

Joachim Scheide, IfW: „Bislang konnte sich die Politik daran sonnen, dass es der deutschen Wirtschaft besser geht als den meisten anderen Ländern in Europa. Während man die Problemländer zu Strukturreformen drängt, um deren Wachstumskräfte zu stärken, passierte hierzulande nichts in diese Richtung. Dabei sind die Aussichten alles andere als rosig: Die Rate, mit der die deutsche Wirtschaft mittelfristig wachsen wird, liegt bei etwa 1,25 Prozent. Das reicht nicht aus, um den Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten nennenswert zu erhöhen. Die Ansprüche werden jedoch kaum geringer werden.

Um die Aussichten zu verbessern, wäre es sinnvoll, Impulse für mehr Wachstum zu setzen. Positive Anreize würden beispielsweise von einer umfassenden Steuerreform ausgehen, bei der die Grenzsteuersätze sinken und die Steuerbasis verbreitert wird. Allerdings ist eine solche Reform unwahrscheinlich, denn keine Koalition wird den Mut aufbringen, Ausgaben zu kürzen, um eine solche Reform zu finanzieren.

Als Mindestanforderung bleibt, dass die Politik wenigstens einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums entgegenwirkt. Denn es gibt erheblichen Gegenwind. So wird das Potenzialwachstum mittelfristig durch die demographische Entwicklung gebremst. Hier kann mehr getan werden als die eingeleitete Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre.

Auch von anderen Staaten verlangen wir einschneidende Reformen. Warum können wir uns nicht dazu durchringen, das Renteneintrittsalter schrittweise mit der gestiegenen Lebenserwartung zu erhöhen? Täte man das, so zeigen Studien, könnte das Einkommen, das verteilt werden kann - auch an die Rentner! -, mittelfristig um 6 Prozent oder mehr höher sein, als wenn man nichts tut. Ältere Personen sind durchaus bereit, länger zu arbeiten; allerdings werden sie vielfach durch Verbote oder Fehlanreize daran gehindert.

Auch die Energiewende wirkt sich negativ auf das Wachstum aus. So oder so wird Strom mittelfristig deutlich teurer. Damit die Auswirkungen möglichst gering ausfallen, wäre es gut, wenn man es den Stromkonzernen überlässt, wie man am besten die Energie erzeugt und transportiert. Also: Es genügt, wenn der Staat hier den allgemeinen Rahmen setzt, anstatt mit hektischen und überdimensionierten Subventionen und Preisobergrenzen die Strukturen zu verzerren.

Solche Reformen kosten nicht viel, verlangen aber eine Umorientierung hin zu mehr Marktwirtschaft. Allerdings besteht wenig Hoffnung, dass die nächste Regierungskoalition einen solchen Weg einschlagen wird. So können wir nur hoffen, dass es nicht weiter in die falsche Richtung geht.“

Kommentare zu " Reformen gefordert: Was sich Top-Ökonomen von der Wahl versprechen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Endlich, der WAHL-O-MAT hat folgendes Regierungsprogramm generiert:

    Deutschland kann nur dann wieder weltweit erfolgreich werden, wenn der in Jahrzehnten aufgeblähte Beamtenapparat gesundgeschrumpft wird.
    Auch der Bundestag muss angemessen reduziert werden. Die viel grösseren USA haben nur 350 Kongressabgeordnete bei fast 300 Mio Einwohnern. Ausserdem wird heute von den über 600 Abgeordneten viel zu viel zerredet, statt die anstehenden Probleme zu lösen:
    --Rentenreform: weg mit dem Generationenvertrag, jeder Bürger bekommt genau das, was er selbst für sich eingezahlt hat.
    --Steuerreform: die Staatsquote aus Steuern und Abgaben muss von über 52% auf verträgliche 30% gesenkt werden.
    --Strukturreform: der Beamtenapparat muss wieder so reduziert werden, dass nur hoheitliche Aufgaben verbeamtet sind. Die extrem hohen Kosten von 160 Milliarden EURO für Besoldungen und Pensionen müssen auf 80 Milliarden gesenkt werden (und das ist schon mehr als genug).
    Wenn der Bundestag auf 300 Abgeordnete reduziert und auch der Beamtenapparat halbiert wird, können mit den eingesparten 80 Mia EURO der Reformbedarf finanziert und effizient angegangen werden, statt diesen nur zu zerreden. Die verrottenden Autobahnen können endlich repariert und ausgebaut werden. Und es können sogar erstmals Schulden abgebaut werden.
    Mit diesem Wahl-o-mat-Programm hat Deutschland wieder eine langfristig erfolgreiche Perspektive.

  • Ich erwarte von einer zukuenftigen Bundesregierung, dass sie auf Einhaltung aller europaeischen Vertraege draengt, insbesondere des Bail-Out Verbots. Deutschland darf keine neuen Kredite oder Buergschaften mehr vergeben, denn diese fuehren nicht zu einer Verbesserung der Situation der Krisenlaender – wie wir in den Jahren seit Krisenbeginn sehen konnten. Sie uebersteigen laengst deutsches Leistungsvermoegen angesichts gealtiger Zukunftsaufgaben, die vor uns liegen.

    Fliessen keine neuen Kredite mehr, werden ueberschuldete Staaten zahlungsunfaehig. Sie muessen sich mit ihren Glauebigern auf einen Schuldenverzicht einigen. Die Laender beginnen damit, ihre nunmehr wirtschaftlich tragbaren Schulden langsam abzutragen. Ob diese Laender im Euro verbleiben oder austreten ist dabei voellig unerheblich und sollte der Entscheidung der betroffenen Laender ueberlassen bleiben. Halten wir in der Zukunft das Prinzip der vollstaendigen Glaeubigerhaftung ein, sollte nur soviel Kredit in diese Laender fliessen, wie wirtschftlich verkraftbar ist.

    Unsere nachbarschaftliche Pflicht, schlechter gestellten Laendern zu helfen, erfuellen wir, indem wir Strukturhilfen im Rahmen parlamentarisch verabschiedeter Programme gewaehren.

    Die unsaegliche Rettungspolitik hat nicht nur die Schulden der Krisenlaender sondern auch die der “Retter” erhoeht. Ein weiter so, fuehrt in den Abgrund. Die Verwahrlosung europaeischer Rechtsstaatlichkait hat die Chancen fuer ein geeintes Europa schon weitestgehend verspielt. Europa ist zerstritten. Der Streit wird offen ausbrechen, wenn der Geldfluss versiegt.

    Die Argumente der 5 Experten – teils richtig, teils falsch – plaetschern wie ein kleiner Muehlenbach vor sich hin. Zuerst muss unser Hauptproblem angegangen werden: die Euro-, die Europa- die Staatsschulden- und die Bankenkrise.

  • Dann wäre es zu schnell vorbei und ihnen würde die leidvolle Erfahrung eigner Borniertheit und theoriengestützter Torheit erspart bleiben.
    Besser alle diese Leute und noch einige Politiker und wirtschaftsführer auf eine unbewohnte Insel ansiedeln. Da könnten sie dann alle ihre tollen Theorien anwenden um sich die Gesellschaft aufzubauen, die sie für die beste halten.

    In unserer Gesellschaft haben sie das Glück, dass ihre seltsamen vorstellungen nicht 1:1 umgesetzt werden können. Darum dürfen sie auch straflos schwadronieren.

    Wer heute noch meint, dass man so weiter machen sollte wie bisher und es sei lediglich an der einen oder anderen Schraube zu drehen, hat mehr als eine Schraube locker. Der hat einen intellektuellen Motorschaden.

    Diese Leute können sich einfach nicht vorstellen, dass sie falsch liegen könnten und retten ihr Selbstbewusstsein damit, indem sie ihre Kritiker für dumm oder unfähig oder beides halten. Denen ist nicht mehr zu helfen. Leider ist es schwer, sie zum schweigen zu bringen oder wenigstens in ein Kloster zu entsorgen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%