Serie „Bodycheck“
Gysi betont perfekt – selbst wenn er brüllt

Geballte Fäuste, stechende Zeigefinger, das Spiel mit der Stimme – auf welche Gestik setzen Politiker und wie wirkt sie? Ein Körpersprachen-Experte analysiert für uns die Spitzenkandidaten. Heute: Gregor Gysi.
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Es macht richtig Spaß dem Kanzlerkandidaten der Linken zuzuhören. Okay, es ist nicht immer einfach, die Aussagen zu ertragen, wenn man anderer Meinung ist. Manchmal kann man lachen, wie er die Dinge darstellt. Wenn er erklärt, warum er beispielsweise der SPD das Soziale abspricht. Doch Gysi ist auch einer, der vor Begeisterung nur so sprüht. Der das dann auch glaubhaft sagt. Dem man ansieht, wie er sich wirklich engagiert. Zumindest rhetorisch.

Diesen Trumpf spielt der Spitzenkandidat der Linkspartei. Die meisten Menschen werden ihm im Wahlkampf nur bei Fernsehberichten begegnen, was die Bedeutung von Körpersprache und Stimme erhöht. Deshalb konzentriert sich auch diese Analyse auf den Eindruck, den die Zuschauer gewinnen, die Gysi via TV bei seinen Reden im Bundestag oder in Interview-Situationen erleben.

Gysi ist brillant, das Rednerpult wird zur großen Bühne und seine Reden zum Schauspiel im besten und unterhaltendsten Sinne. Wenn er brüllt, dann kommt das nicht zuletzt deswegen so gut an, weil er einfach perfekt betont. Weil er den Worten mit allen Mitteln Wirkung verleiht durch eine klare Artikulation, lebendige Sprechweise und richtig gesetzte Pausen. Weil er dazu eine Gestik einsetzt, die bis weit über seinen Kopf hinausgeht, fast fuchtelt und so seine eigene Überzeugung auch ohne Ton erkennen lässt.

Selbst dann, wenn der Linke vom Manuskript abliest, redet er lebendiger, spannender und letztlich überzeugender als die Mehrheit der Politiker, wenn diese frei sprechen. Das muss man erst Mal können. Das macht die Energie seines Redefeuerwerks aus.

Wirkt das noch seriös? Ist das zu viel? Ist das übertrieben? Jein. Erstens: der Erfolg gibt ihm Recht. Wo wären die Linken heute, wenn nicht Gysi mit seiner Art es immer wieder schaffen würde, die Linkspartei in den Medien zu positionieren? Wo wären sie, wenn Gysi nicht so durchwegs sympathisch rüber käme? Wo wären sie, wenn Gysi nicht alle Vorwürfe zu SED und Stasi immer wieder rhetorisch vom Tisch wischen könnte?

Seite 1:

Gysi betont perfekt – selbst wenn er brüllt

Seite 2:

Auf unser Unterbewusstsein wirkt seine Gestik überzeugend

Kommentare zu " Serie „Bodycheck“: Gysi betont perfekt – selbst wenn er brüllt"

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  • "Bitte bleiben Sie sachlich."

    Mein Beitrag war sachlich, und er hat dem Presserecht entsprochen, er war nur nicht opportun! ):

  • In der Rede ist es um den Krach in ganzem Europa gegangen.

    Ich bin sicher: viele deutsche Ureinwohner leben entsprechend dem Motto "Was nicht sichtbar ist, ist kein Sünde". Irgendwelche kriminelle Mentalität (nicht wahr?), die aus Vergangenheit stammt, als mind. vom Freispruch am Tribunal in Nürnberg, weil "das ganze Volk Befehle erfüllt hat". Diesen Freispruch kann man leicht mit einem verzockten Avance vergleichen.

  • Dieser Artikel ist rethorisch so genial, er hätte von Gysi geschrieben sein können. Respekt davor. Feuer mit Feuer bekämpfen, was? Stellt sich nur die Frage: Was ist wenn die Welt nicht so schwarz/weiß ist wie hier dargestellt? Was wenn es tatsächlich leidenschaftliche Faktoren gibt, die die Überzeugungen eines Politikers tiefenpsychologisch betrachtet in der Psychomotorik kund tun? Kurz um: Dieser Artikel ist polemische Stimmungsmache und nutzt all das, was er kritisiert, und noch mehr. Und da dies ein Allgemeinphänomen ist: Wer wundert sich da wirklich noch über die geringe Wahlbeteiligung? Der Wähler ist des Schauspiels müde.

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